dein hund mag sein brustgeschirr nicht? woran es liegt und was du tun kannst

du kommst mit dem brustgeschirr in der hand und dein hund fängt an zu beschwichtigen, duckt sich, erstarrt zur salzsäule oder läuft gar weg?  das kommt öfter vor, als man glauben sollte! es kamen sogar schon mehrere hunde genau deswegen zu mir ins verhaltenstraining: weil sie sich ihr brustgeschirr nicht anziehen lassen wollen!

ein thema, das übrigens auch meine „neue“ mitgebracht hat, zum glück nur in milder form. darf ich sie euch hier gleich mal vorstellen?

melissa im schönen brustgeschirr

melissa im schönen brustgeschirr

das ist melissa, scheidungsopfer mit auch davor schon bewegtem leben. ich bin, wenn ich richtig mitgezählt habe, schon ihr siebentes zuhause! dabei ist sie grad mal drei jahre alt. ein labrador-mädel mit einigem ungestüm, viel intelligenz (sprich: aufmerksamkeitsheischenden macken, wenn man nicht aufpasst) und großem bemühen, es allen recht zu machen. ich freu mich riesig, dass sie bei uns eingezogen ist und unser leben teilt.

sie hat von meiner seligen maluna ein wunderschönes brustgeschirr geerbt. nur das anziehen fand sie nicht so wunderschön…

ich vermute, ihr ging es so wie vielen anderen hunden mit dem brustgeschirr und sie hat  zumindest die ersten paar stufen der brusti-anzieh-eskalation durchlaufen.

meist läuft der weg zum brustgeschirr-hassen nämlich in etwa so ab:

1. das brustgeschirr bringt aufregung

wann taucht der mensch mit dem brustgeschirr denn auf? natürlich immer dann, wenn es aufregend wird! wenn es losgeht, wenn der spaziergang bevorsteht! schließlich zieht man dem hund das teil ja nicht zum schlafengehen an.

es ist also immer grade einer der aufregendsten momente – und genau dann soll der hund stillhalten und ruhig stehen. hmmm… im ernst? womöglich noch bei einem aufgedrehten welpen oder ungestümen junghund? das tut der natürlich nicht von selber.

 

2. körperliche beengtheit

wo passiert das ganze normalerweise?  meistens im vorzimmer. wo man sich halt fertig macht zum weggehen, der mensch zieht seine schuhe an, der hund bekommt das brustgeschirr rauf und dann kann es losgehen…

dummerweise ist das vorzimmer in aller regel ein schmaler und enger raum, wo mensch und hund dann wirklich dicht an dicht sind. für viele hunde ist das schwierig zu verkraften! engstellen führen beim hund immer zu etwas mehr anspannung und aufregung, weil man halt nicht ausweichen und dadurch „höflich“ sein kann. (aus genau dem grund kracht es zwischen hunden oft grade unterm tisch oder beim rausgehen aus der tür… weil es zu eng ist!).

je nach naturell des hundes hat er damit mehr oder weniger schwierigkeiten. hunde mit großer individualdistanz und (auch nur vorübergehend) hoher berührungsempfindlichkeit, wie sie zum beispiel durch stress gefördert wird, tun sich damit recht schwer. zu ersteren zählt melissa als labrador ja eher nicht :-), zu letzeren derzeit definitiv!

 

3. menschliche körpersprache

selbst beim größten hund ist der mensch immer noch größer, nicht unbedingt schwerer (ich kenn da ein paar hunde, die bringen deutlich mehr auf die waage als meinereins), aber immer noch höher.

das heißt natürlich: zum brustgeschirr anziehen beugt sich der mensch über den hund. greift über ihn drüber. womöglich noch von vorn.

igitt! der mensch hat sich mal wieder als grober tölpel erwiesen!  das ist sowas von bedrohlicher körperhaltung für den hund! je sensibler und je kleiner, desto übler.

wir haben also einen aufgeregten hund, dem eh schon alles zu eng ist und den der mensch nun auch noch aktiv bedroht (wenn auch unabsichtlich)…. kein wunder, dass der hund versucht auszuweichen und heil davon zu kommen!

und was passiert dann?

4. festhalten und brustgeschirr drüberstülpen

man hält den hund halt schnell fest, damit man ihn schnell angezogen kriegt.
und weil er dabei ein wenig rumzappelt, hält man ihn noch fester und stülpt ihm das teil schnell drüber und zieht ihn noch ein bissl zu sich ran, damit man das brustgeschirr auch vernünftig schließen kann.

schließlich wollen alle möglichst schnell aus dem haus und das theater hinter sich bringen!

dann ist das brustgeschirr zwar am hund droben. doch dummerweise hat der dabei eine erfahrung gemacht, und zwar keine gute!
er hat gelernt: brustgeschirr = unangenehm!

und mit unangenehmen dingen tut jeder vernünftige hund nur eines. er versucht, sie in zukunft zu vermeiden!

nur ist die zukunft nicht frei vom brustgeschirr…

 

5. notfalls mit gewalt

dumm gelaufen bis jetzt.

eine aufregende und beengende situation hat der hund nun als unangenehm erlebt und als schlechte erfahrung abgespeichert. doch am nächsten tag steht das selbe wieder bevor. der auslöser aus hundesicht? das brustgeschirr.

also steigt die aufregung weiter, weil er nun ja schon weiss was kommt.
der mensch dummerweise auch. und oft genug will man unangehmes, das sein muss, halt möglichst schnell hinter sich bringen. ärgert sich vielleicht ein bissl. ist in eile. und denkt sich „der hund soll sich nicht so anstellen!“ ist ja schließlich nur ein brustgeschirr.

aus dem leichten festhalten oder schnellen überrumpeln und drüberziehen wird dann im lauf der zeit ein kleiner kampf oder ein hund, der sich unter der bank versteckt (und womöglich mehr oder weniger sachte rausgezerrt wird). im krassesten fall, der mir bislang begegnet ist, brauchte es zwei (!) leute, um einen hund anzuziehen. einen, der den hund auf den hinterpfoten hochhielt und einen, der dem nun wehrlosen das brustgeschirr überstülpte. kein wunder, dass der hund sich nicht aufs brusti freute!

wenn du das alles vermeiden möchtest oder wenn du dich auf einer der fünf stufen wiedererkannt hast und das in zukunft anders laufen soll, dann gibt es hier die drei tipps, wie aus deinem brustgeschirr -hasser ein brustgeschirr-lover wird!

 

tipp 1:  nimm dir zeit!

vergiss schnell-schnell!
(so ist die misere ja erst entstanden!)

nimm dir zeit!

ehrlich gestanden, brauchst du da gar nicht viel. vielleicht anfangs 1 minute oder 2 statt der üblichen 20 sekunden. vielleicht gleich lang, wie dein ringkampf dauert. vielleicht anfangs etwas länger fürs üben ein paar mal am tag, wenn es wirklich schon schlimm ist bei euch. und dann ein leben lang zeit einsparen, weil dein hund seinen kopf schon freiwillig ins brustgeschirr steckt und ihr ruck-zuck fertig seid zum weggehen.

das bisschen zeit am anfang sparst du im lauf des hundelebens tausendfach wieder ein!

fang also mit übungssituationen an, wo du selber nicht in eile oder gestresst bist.
und zeit hast, um in aller ruhe dem hund sein brustgeschirr schmackhaft zu machen (siehe tipp 3).

 

tipp 2:  hör auf deinen hund!

dein hund sagt dir immer und ehrlich, ob ihm was angenehm ist und wann nicht mehr.

dein job ist es, zuzuhören.
und darauf zu achten, dass ihm alle dinge, die mit dir zu tun haben, angenehm sind.

punkt. mehr nicht.
:-).

sobald es unangenehm wird, hör auf, und überleg dir, wie es wieder angenehm sein kann.
(siehe dafür tipp 3 für diesen fall)
und wenn du dir nicht sicher bist, ob du deinen hund richtig liest oder vielleicht die ersten feinen signale übersiehst, dann interessiert dich vielleicht das webinar „beschwichtigungssignale in der praxis“ aus der webinarreihe „hundesprache“

 

tipp 3:  mach ihm das brustgeschirr schmackhaft!

der entscheidende tipp: mach aus der situation für deinen hund eine positive erfahrung!

am einfachsten geht das natürlich über futter. also schnapp dir deinen leckerli-beutel und vielleicht sogar ein paar extra leckere happen und macht euch ans üben:

bei wirklich großer abneigung gegen das brustgeschirr:

  • brustgeschirr auf den boden legen, leckerli drum herum verteilen, selber ein stück weggehen und den hund die leckerli aufsammeln lassen, wenn er will (und irgendwann will er sicher, kümmer dich einfach nicht weiter drum), mehrfach wiederholen
  • brustgeschirr auf den boden legen, leckerli drum herum verteilen und dich selber daneben setzen, dein hund darf wieder alle leckerli fressen. wieder mehrfach wiederholen.
  • brustgeschirr in die hand nehmen, leckerli drunter und rundum am boden, auffressen lassen und aufhören!
  • brustgeschirr in die hand nehmen, leckerli auf der offenen handfläche haben und deinen hund alle nehmen lassen, und aufhören!
  • wenn du soweit bist, dass dein hund sich schon freut, wenn du das brustgeschirr zur hand nimmst, dann kannst du mit den übungen unten weitermachen.

wenn dein hund das brustgeschirr nur ein bisschen unangenehm findet:

  • brustgeschirr in die eine hand nehmen, leckerli in die andere und so halten, dass dein hund den kopf ein bisschen ins brustgeschirr stecken muss, um das keksi zu kriegen. leckerli nehmen lassen und brustgeschirr wegnehmen, mehrfach wiederholen.
  • achte auf deine körpersprache! also eher hinhocken oder seitlich neben dem hund stehen, ja nicht drüberbeugen, entspannt bleiben.
  • vergrößer den abstand zwischen leckerli und brustgeschirr so, dass dein hund schließlich den ganzen kopf  (freiwillig!) ins brustgeschirr steckt, um sein keksi zu kriegen. wenn er das anstandslos und gerne macht, ist der größte teil der sache schon erledigt!
  • zieh das brustgeschirr ganz über den kopf (falls noch nötig) und gib ihm noch ein keks.
  • hock dich seitlich neben deinen hund und mach das brustgeschirr zu.
  • wenn du eines hast, wo dein hund auch noch die pfote heben muss zum reinsteigen, dann üb das noch extra – wieder mit keksi als belohnung dafür, dass er die pfote hebt (ja nciht mit gewalt hochheben, ganz sachte!)
  • bleib in der hocke und halt deinen hund auch nicht fest, wenn du das brustgeschirr schließt, geh notfalls sogar um ihn rum auf die andere seite zum schließen auf beiden seiten.

voila!  schon geschehen und ganz ohne kampf.

melissa jedenfalls hat schon ein kleines ritual:  ich komm mit dem brustgeschirr – das wir erst im hof anziehen. sie zögert kurz, aber ich hab ein keks schon in der hand. halte es ihr hin – und das brustgeschirr zwischen meine hand und ihren kopf, sie steckt den kopf rein. ich mache links zu, hock mich hin, halt den bauchteil für rechts hoch und mach zu. fertig. wir können spazierengehen! und das machen wir jetzt auch gleich….

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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