„der ist das gewöhnt, das macht ihm nichts“ wird manchmal argumentiert,
wenn man potentiell belastende situationen für den hund aufzeigt.
hunde würden sich schließlich an alles gewöhnen.
es stimmt, dass hunde sich an vieles gewöhnen und sie in ihrem verhalten sehr flexibel sind.
gewöhnung ermöglicht es dem hund, sich an neue umgebungen und neue reize anzupassen.
am anfang ist neues ja immer mit etwas stress verbunden und der hund muss sich erst mal orientieren.
sonst könnte der hund sein leben lang immer nur in den eigenen vier wänden verbringen
und müsste alles vermeiden, was neu und unbekannt ist.
(übrigens: zum thema vermeiden und aufregung verhindern gibt es demnächst das neue webinar „immer nur ruhe und alles vermeiden?“, zu dem du dich gleich hier anmelden kannst:
gewöhnung klappt allerdings nur, wenn man versteht, wie sie funktioniert und welche gesetzmäßigkeiten dabei zu beachten sind.
gewöhnung
gewöhnung beschreibt jenen prozess, bei dem der hund den umgang mit neuen reizen lernt.
wichtig sind dabei folgende elemente:
– der hund erlebt die reize wiederholt auf ungefähr gleichbleibende art
– er stuft sie zunehmend als unwichtig ein, weil nichts für ihn relevantes passiert
– seine reaktion auf den reiz nimmt deutlich ab und geht irgendwann gegen null.
der letzte punkt ist besonders wichtig,
denn nur daran können wir erkennen, ob eine gewöhnung eingesetzt hat oder nicht.
ob die entsteht hängt davon ab, ob der hund den reiz nach ein paar mal tatsächlich als unwichtig empfindet.
nehmen wir ein neues geräusch im haushalt, zum beispiel einen mixer.
der hund hört den krach, erschrickt sich vielleicht kurz,
hebt jedenfalls den kopf und schaut, was da passiert.
es passiert aber nichts, der mixer-lärm ist kurz zu hören, dann hört er wieder auf.
null relevanz für den hund.
nach einiger zeit wird er auf den mixer-lärm kaum noch reagieren.
er hat sich daran gewöhnt.
wenn es gut ging.
es könnte auch genau anders rum laufen.
sensibilisierung
es kommt nämlich auf die belastungsgrenzen des hundes an.
wenn der sehr geräuschempfindlich ist oder stark im stress (was sehr anfällig jedem reiz gegenüber macht)
oder er eine negative vorgeschichte mit einem ähnlichen geräusch hat,
dann kann das gegenteil eintreten.
der hund reagiert stark auf den lärm, er stress ihn und er fühlt sich überfordert.
sprich: er kann den reiz nicht als unwichtig erleben, weil er zu stark betroffen ist davon.
mit jedem mal, wo der lärm wiederkommt, kommt das gefühl von überforderung und stress wieder,
der lärm wird dadurch als immer schlimmer empfunden.
man nennt diesen prozess sensibilisierung,
also immer empfindlichere reaktionen auf den gleichen reiz.
(übrigens das prinzip, das hinter der chinesischen wassertropfen-folter steckt).
wer versucht, seinen hund an ein bestimmtes geräusch oder ereignis zu gewöhnen,
muss also peinlich genau darauf achten, dass der hund das als zunehmend unwichtig einordnet,
damit es tatsächlich zu einer gewöhnung kommt und nicht zur sensibilisierung.
scheinbare gewöhnung
dabei muss man schon genau schauen.
denn vorsicht: manches sieht aus wie gewöhnung, ist aber eigentlich erlernte hilflosigkeit.
im normalen alltag im haushalt wird das hoffentlich nicht vorkommen
(extreme angsthunde ausgenommen),
doch bei ereignissen, die für den hund großen stress bedeuten und denen er ausgeliefert ist,
kann das passieren.
nehmen wir mal an, der hund geht mit ins fussballstadion, auf ein hundesportturnier oder ins einkaufszentrum.
alles umgebungen mit viel trubel, lärm und gerüchen, die für den hund neu, aufregend und in aller regel überfordernd sind.
gewöhnt der hund sich nun dran, wenn man das regelmäßig macht?
das kommt drauf an,
– wie viele reize die umgebung enthält
– wie sensible der hund generell auf neues und auf reize reagiert
– ob er die möglichkeit hat, das geschehen zu steuern oder sich dem zu entziehen.
erlebt der hund das als starken stress (was die meisten hunde tun), gewöhnt er sich daran eher nicht.
das eregnis ist für ihn ja nicht zunehmend unwichtig, sondern stress und überforderung bestehen weiter.
allerdings kann es wirken, als würde der hund sich dran gewöhnen.
reagiert er bei den ersten malen noch heftig – zum beispiel mit leinezerren, bellen oder fluchttendenzen –
so hört er damit im lauf der zeit auf.
nicht weil er sich daran gewöhnt hätte und das alles toll findet,
sondern weil er gelernt hat: nichts davon hilft.
er hat keine möglichkeit, das geschehen irgendwie zu beeinflussen, so dass es für ihn besser wird.
also gibt er auf und erduldet eben alles.
erdulden ist aber nicht gewöhnung!
fazit
es gilt also: genau hinschauen, ob der hund sich bei einem neuen reiz oder einer neuen umgebung im lauf von mehreren wiederholungen deutlich entspannt und der stresspegel sinkt.
nur dann läuft gewöhnung.
wenn der hund zwar scheinbar ruhiger wird, aber weiterhin stresssymptome zu sehen sind, dann ist er ins erdulden gewechselt.
wenn er immer heftiger reagiert, sofort sämtliche „gewöhnungsversuche“ stoppen, denn sie sind schon ins gegenteil umgeschlagen.

