wenn der hund manchmal unerwartet ausflippt

was ist los mit einem hund, der – tatsächlich nur gelegentlich – plötzlich ausflippt?
dass hunde im chronischen stress sich schnell mal aufregen und heftig werden, das kennt man ja.
schwerer zu verstehen ist, warum ein sonst recht gelassener hund manchmal total hochfährt.

nehmen wir mal den jungen hund, der besucher und fremde menschen bereits recht manierlich begrüßt,
bei dem es üblicherweise kein hochspringen gibt und der manchmal sogar brav neben frauchen oder herrchen sitzen bleibt,
wenn der jemanden begrüßt.

doch dann kommt der eine onkel oder man trifft draußen eine bestimmte nachbarin, und der hund überschlägt sich vor aufregung,
ist ein quietschendes bündel ungebremster energie und pieselt sich vor aufregung sogar an.
wieso kann er alle anderen begegnungen ruhig wegstecken, dreht aber bei der einen total hoch?

(übrigens: für alle, die begegnungen generell noch schwierig finden, gibt es demnächst ein neues (kostenloses) webinar “cool bleiben bei radfahrern, kindern und fremden”, für das du dir gleich hier deinen platz reservieren kannst:)

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oder ein anderes beispiel:
der hund geht normalerweise schon ziemlich gut an lockerer leine und zieht nicht mal mehr,
wenn man einem anderen hund begegnet.
aber wehe man will mit ihm zum eingang der hundeschule oder nähert sich seiner lieblings-badestelle am bach,
dann wirft er sich in die leine, dass kein halten mehr ist, und reagiert auf nichts mehr.

was ist da los?

als erstes überprüft man am besten, ob der hund tatsächlich nur in diesen situationen aufgeregt reagiert.
dass also kein generell erhöhter stresspegel mehr vorhanden ist, sonst müsste man zuerst den angehen
(woran man stress erkennt, ist hier nachzulesen. und das programm gegen stress findest du hier).

gehen wir davon aus, dass kein chronisches stressproblem vorliegt und der hund wirklich recht entspannt drauf ist.
dann wäre es zwar normal, dass er auf aufregende situationen mit etwas mehr aktivität oder unruhe reagiert,
aber aus nichts heraus nur in bestimmten momenten so ausflippen?
wie kommt es dazu?

das problem: konditionierte aufregung

wir haben es in diesen momenten mit der sogenannten konditionierten aufregung zu tun.
der hund hat einen bestimmten auslöser abgespeichert und gleichzeitig mit maximaler aufregung verknüpft.
jedesmal, wenn nun dieser auslöser auftaucht, schlägt beim hund aus dem nichts heraus die maximale aufregung zu.

das geht tiefer als ein blosser lerneffekt,
wo der hund für aufgeregtes verhalten in der vergangenheit (unabsichtlich belohnt) wurde.

vergleichen kann man das eher mit dem pawlowschen hund.
der begann nach einiger zeit im versuch bereits zu sabbern, wenn er die glocke hörte
(die ursprünglich futter ankündigte),
auch wenn weit und breit kein futter zu sehen war.
er hatte abgespeichert: glocke = futter = sabbern,
bis daraus ein glocke = sabbern wurde.

bei dem hund aus den beispielen oben ist das dann:
der onkel/die nachbarin/der eingang zur hundeschule/die badestelle = maximale aufregung.

wie es dazu kommt

es geht dem hund mit dieser situaton genauso wie dem hund im experiment des herrn pawlow.
wenn oft genug eine bestimmte situation jedesmal mit größter aufregung einherging,
dann speichert der hund das ab und die aufregung kommt wie auf knopfdruck,
sobald die situation auftritt oder nur ein bestimmter auslöser dieser situation auftaucht.

anfangs ist die aufregung in dieser situation deswegen so groß,  weil der stresspegel noch hoch ist.
wenn der welpe die ersten male den besuchs-onkel kennenlernt, ist das sehr aufregend.
wenn der ihn dann noch extra austachelt, wird die aufregung enorm.
und der hund speichert ab: dieser mensch ist gleichbedeutend mit enormer aufregung.

später dann wird die enorme aufregung ausgelöst, so wie dieser mensch auftaucht.
auch wenn der hund inzwischen längst keinen stress mehr hat,
längst schon besucher nicht mehr so aufregend findet und normalerweise begegnungen cool nimmt.

die konditionierung ist aber da.
sie entzieht sich der rationalen steuerung.
der hund entscheidet also nicht, ob er nun cool bleiben oder ausflippen soll.
es geht buchstäblich mit ihm durch.

und üblicherweise hat er mit der aufregung recht:
weil dann die menschen sich mitreißen lassen und ebenfalls aufgeregt reagieren,
oder weil er mit dem aufgeregten gezerre am raschesten in die hundeschule rein oder an seine badestelle kommt
und dort tatsächlich wieder aufregendes passiert: spielen mit anderen hunden, toben im wasser und ähnliches.
die konditionierung verfestigt sich also weiter.

was tun gegen konditionierte aufregung?

was tun, wenn man das problem mal hat?
wenn der hund den einen oder anderen moment mit größter aufregung verknüpft hat?
muss man sich damit einfach abfinden? ‘
gibt es sich irgendwann von selber?

zweimal ein klares nein.
es bleibt nur eines:

man muss die bestehende konditionierung umprogrammieren.
der auslöser für große aufregung muss neutralisiert werden
(im idealfall würde er sogar zum auslöser für extra cooles verhalten, aber wir wollen mal realistisch bleiben).

in der praxis heißt das:
der hund muss oft und oft dem auslöser begegnen OHNE dabei in maximale aufregung zu verfallen.
das klappt nur, wenn man diesen auslöser richtig dosieren kann,
so dass er nur ganz kurz, ganz weit weg oder sehr wenig intensiv auftaucht.
es darf nicht der gewohnte aufregungspegel entstehen.

das heißt zum beispiel, erst mal
– dem besuchsonkel nur draußen aus großer entfernung zuwinken
– die nachbarin (abgesprochenerweise) ignorieren und im großen bogen vorbeigehen
– ein paar meter zum eingang der hundeschule gehen, wenn weit und breit keiner da ist
– sich der badestelle nur ein wenig nähern und dann umkehren und weitergehen
– und so weiter

nur dann kann der hund durch unzählige andere erfahrungen eine neue konditionierung aufbauen
und den auslöser neutraler erleben,
damit das plötzliche ausflippen irgendwann ein ende hat.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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