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by brigid

Januar 4, 2026

wenn wir an einem verhalten oder einer aufgabe der hundeerziehung scheitern,
dann passiert das üblicherweise nicht in der hundeschule oder im training,
sondern im alltag.

also genau dort, wo es drauf ankommt.

wenn der hund im training auf den rückruf nicht schön vorsitzt (falls man darauf wert legt)
oder das dummy nicht korrekt in die hand abgibt,
dann passiert ja nicht wirklich was.

wenn der hund im alltag auf den rückruf mit großer verspätung reagiert
oder einen geklauten gegenstand nicht hergibt,
sieht die sache schon anders aus.

warum also scheitern wir so oft gerade bei den dingen, die wichtig sind?

das liegt nicht am hund oder an unserer unfähigkeit,
sondern an menschlichen wahrnehmungs- und verhaltensmustern,
die wir erst durchschauen müssen, um ihnen nicht zum opfer zu fallen.

natürlich gibt es da noch einiges mehr als nur unsere muster
und am besten wäre es, die lernfreude der hunde für unsere zwecke zu nutzen.
damit beschäftigen wir uns dann ausführlicher in der „5 x 5 challenge: lernen leicht gemacht“, für die du dich gleich hier anmelden kannst:

doch erst wollen wir uns den mustern zuwenden, die zu einer richtigen stufenleiter des scheiterns in sachen hundeverhalten führen können.

1. wahrnehmungsschwelle

wenn der hund etwas macht, was wir nicht haben wollen,
fällt uns das meisten gar nicht gleich auf.

noch weniger haben wir vorausgeplant und überlegt,
dass der hund doch dies oder jenes erst gar nicht tun soll
und haben ihm rechtzeitig ein angemessenes verhalten für diese situation gezeigt.

und fällt es erst auf, wenn
– das verhalten heftiger wird
– der hund häufig so reagiert
– wir gerade aus anderem grund genervt sind und daher weniger lästiges verhalten aushalten.

das verhalten muss also einen gewissen grenzwert erreichen,
bis wir es bemerken und eindeutig wissen:
he moment, das will ich so gar nicht.

aus hundeperspektive heißt das: 
der hund probiert was aus und stellt fest: das klappt.
oder das macht spaß.
das fühlt sich gut an.

natürlich macht er das wieder.
und wieder.
und schon hat er etwas gelernt und eingeübt, was uns menschen noch gar nicht bewusst geworden ist.

2. hoffen aufs verschwinden

haben wir etwas mal wahrgenommen,
neigen wir dazu, das zu bagatellisieren und zu hoffen,
dass das von selber wieder verschwindet.

vielleicht hat der hund das grad nur in dem moment gemacht
oder weil er gerade so aufgeregt war
oder weil er ja noch ein welpe ist
oder weil gerade unglückliche umstände aufeinander getroffen sind.

der wird schon wieder aufhören damit,
das wird von selber vergehen,
er wird „herauswachsen“ aus diesem verhalten,
so unsere hoffnung.

es ist dem trägheitsmoment geschuldet, dass wir noch nicht in die gänge kommen
und uns lieber der hoffnung hingeben, dass alles von selber besser wird
und wir gar nichts tun müssen.

die hoffnung ist praktisch immer vergeblich.

aus der hundeperspektive sieht das nämlich anders aus.
der hund übt sein neu entdecktes verhalten weiter ein,
für ihn funktioniert es ja.

mehr noch: er muss eigentlich annehmen, dass wir menschen das auch gut finden.
schließlich nimmt er schweigen als zustimmung.
ja mehr noch: meist belohnen wir dieses eigentlich unerwünschte verhalten auch noch mit irgendeiner form von aufmerksamkeit.
es verfestigt sich also immer weiter.

3. halbherzige versuche

irgendwann wird uns dann klar,
so ganz von selber verschwindet dieses verhalten nicht.
wir müssen also doch irgendetwas unternehmen.

viele fangen dann erst mal mit korrekturen und verboten an.
es ist die zeit des „nein, lass das“, „wirst du wohl aufhören“ und so weiter.
wer sich ein bisschen mit hunden auskennt, weiß natürlich,
dass man damit unerwünschtes verhalten womöglich noch mit aufmerksamkeit verstärkt
oder es nur kurzfristig unterdrückt.

es kommt sehr bald wieder und wird sogar stärker.

im günstigeren fall versucht man daraufhin,
dem hund ein passendes verhalten beizubringen,
dass er zum beispiel die leine locker lassen soll statt daran zu ziehen.

inzwischen ist das störende verhalten aber schon ziemlich verfestigt,
mit sofortigen erfolgen unserer erziehungsbemühungen ist daher nicht zu rechnen,
schon gar nicht, wenn man nicht supergenau weiß, was man tut und wie der hund am besten umlernt.

für den hund ist diese phase verwirrend.
er hat ein für ihn funktionierendes verhalten entwickelt,
in das der mensch nun manchmal störend eingreift und das er manchmel bestätigend kommentiert.

für etwas, das der hund für sich längst gelöst hat,
soll er nun eine andere verhaltensweise lernen.
er soll also eine bereits funktionierende strategie aufgeben
und unter aufwendung von energie eine neue lernen.
dazu bräuchte er einen guten grund und genau den gibt ihm der mensch oft nicht.

4. sich abfinden

bleiben die erziehungsbemühungen ohne großen erfolg, werfen wir schnell das handtuch.
wir hätten nämlich gern einen möglichst umgehenden erfolg, der für immer anhält
(viele trainingsangebote auf den sozialen medien versprechen ja genau diese „instant-lösung“).

prompte lernerfolge gäbe es am anfang durchaus zu haben,
in diesem stadium ist aber etwas mehr nötig.
wir beschreiben ja kein leeres blatt mehr, sondern gehen gegen ein bestehendes programm vor.

man steht daher vor der entscheidung:
etwas zeit, know how und üben investieren, um das hundeverhalten wieder in erwünschte bahnen zu lenken.
oder es bleiben lassen.

man findet sich damit ab, dass der hund eben zieht, bellt, pöbelt,…. oder sonstwas unangenehmes tut.
teils aus frustration,
teils aus einem gefühl der ohnmacht, die aus mangelnder trainingsanleitung herrührt,
und zu einem teil vielleicht auch, weil es einem nicht weiter wichtig ist.

aus hundesicht ist das ein zweischneidiges schwert.
einerseits kommt es dem hund durchaus entgegen,
wenn er einfach weiter machen kann, wie er will.

andererseits aber gibt es eine ganze reihe von unerwünschten verhaltensweisen,
die auch für den hund selber belastend wirken
und aus denen er selber und ohne die hilfe des menschen nicht herausfindet.
da hat er dann echt pech, wenn sein mensch sich damit schlicht abfindet.

5. hoher leidensdruck

schließlich kann es so weit kommen,
dass der mensch das verhalten nicht mehr hinnehmen kann,
weil es für ihn zu belastend wird, für andere beteiligte unangenehm ist oder gar gefährlich werden kann.

man findet sich nunmal mit dem leinenzerren bei einem zwergpudel leicht ab
(sehr zum schaden des zwergpudels übrigens),
beim irischen wolfshund geht das nicht mehr.
erst recht nicht, wenn er bei hundebegegnungen in die leine gehen würde und pöbelt.

erst wenn der leidensdruck hoch genug ist
(und es ist verblüffend, wie hohen leidensdruck viele hundemenschen noch hinnehmen),
geht man das thema ernsthaft an.

hoffentlich nicht dadurch, dass man den hund abgibt
oder in irgendwelche heilsversprechenden (und in der regel hochgradig tierschutzrelevanten) trainingscamps steckt,
sondern mit seriösem training, vernünftigen methoden und kompetenter begleitung.

für den hund besteht zu diesem zeitpunkt ebenfalls ziemlicher leidensdruck.
der kann zu einem teil aus seinem verhalten bzw. den ursachen dahinter stecken,
zum beispiel, wenn er aus angst oder übermäßigem stress so reagiert.
er rührt aber auch aus der zu diesem zeitpunkt unweigerlich belasteten beziehung mit seinem menschen.

der hund bekommt ja mit, dass sein mensch mit ihm nicht rundum zufrieden und glücklich ist,
dass er sich anders verhält als ganz am anfang oder sich sogar ziemlich zurückzieht.
darunter leidet der hund.

und ist wohl ziemlich erleichter,
wenn sich was ändert und der mensch mit ihm gemeinsam neue wege sucht.

fazit

in der hundeerziehung kann aus einer mücke wirklich ein elefant werden.
wir sollten uns also darin üben, schon die mücken zu sehen – denn mit denen werden wir leicht fertigt.
sich später, wenn vieles schief gegangen ist, mit einem elefanten anlegen zu müssen, ist hingegen ein viel schwierigerer job.

 

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.