wie sehr brauchen hunde artgenossen? und vor allem: welche?

stimmt es, dass hunde artgenossen unbedingt brauchen?
dass man am besten zwei (oder mehrere) miteinander hält, damit sie immer einen haben, mit dem sie sich wirklich verstehen?

nun, das kommt natürlich drauf an.
grundsätzlich würd ich mal sagen: ja, hunde brauchen artgenossen.
wenn es die “richtigen” sind.
und zwar alle!

selbst diejenigen, die unverträglich sind mit anderen.
schließlich leben die ja nicht in einer hundefreien welt
(die ausnahme wäre nur, wenn ein unverträglicher hund in seinem restlichen leben keinen anderen hund mehr trifft.
dann lautet die antwort: nein, der braucht keine artgenossen).

das heißt nun nicht, dass sich nun alle schnell einen zweiten hund ins haus holen sollen.
wichtig ist, welchen typ hund man hat und welche artgenossen er daher braucht.
(im detail gehen wir dabei übrigens auch im neuen kurs “hundegerecht” darauf ein).

online hundeschule

dabei kann man grob die folgenden 5 typen unterscheiden:

1. das gruppentier

wenn ein hund in einer gruppe mit anderen hunden zusammen aufwächst und lebt, dann ist ihm hundegesellschaft auch weiterhin wichtig.

holt man zum beispiel einen hund aus dem tierschutz, der davor in einer streunergruppe oder auf einem betreuungsplatz in hundegemeinschaft aufgewachsen ist, dann ist der primär auf andere hunde sozialisiert. das selbe gilt natürlich auch für hunde vom züchter, die dort längere zeit mit den anderen hunden zusammen waren und erst später vergeben wurden.

ihnen fehlt tatsächlich hundegesellschaft, wenn sie danach in einzelhaltung kommen.
manche schaffen das trotzdem gut, aber viele hätten unglaublich gern einen nettenhundekumpel, mit dem sie ihr zuhause teilen können.

das gilt interessanterweise selbst dann, wenn sie in der gruppe eher untergebuttert wurden.
(bitte nicht verwechseln mit handfestem mobbing oder terrorisiert werden, das ist nochmal was anderes und endet meist als typ 4 oder 5).
andere hunde sind trotzdem ihr primärer bezugspunkt
und sie freuen sich, wenn sie mit einem netten und kompatiblen zweiten zusammen leben können.

der typ gruppentier blüht mit anderen hunden auf, wird sicherer und mutiger in seinem erkundungsverhalten.
ohne zweithund kann er zur unsicherheit neigen und sehr anhänglich sein.

2. der verspielte

junge hunde und alle, die auch in späteren jahren noch gerne spielen, brauchen dazu andere hunde.

der mensch kann zwar coole dinge – wie leckerli verstecken, die der hund dann suchen darf (welcher andere hund bietet einem das schon!)
aber wenn’s an ordentliche laufspiele oder hundegerechtes rangeln geht, dann ist der mensch schon arg unbeholfen oder gar zu grob.
da braucht es einen anderen hund dazu!

allerdings gibt es auch unter den hunden die unbeholfenen und groben.
es ist daher wichtig, dass die spielpartner gut zusammen passen
und nicht gar einer über den haufen gerannt oder dauern zu boden gepinnt wird.
(wann der mensch das abbrechen soll, darüber gibt es hier mehr zu lesen.)

der spielpartner muss nicht unbedingt im gleichen haushalt wohnen,
manchmal wird das sogar recht mühsam,
wenn nämlich beide sich gegenseitig hochstacheln und dann nicht zur nötigen ruhe kommen.
außerdem sollen es ja – jedenfalls für den jungen hund – unterschiedliche spielpartner sein,
die kann man sich ohnehin nicht alle nach hause holen.

erwachsene hunde schätzen dann meist ihre fixen freunde und spielpartner,
da geht es darum, dass sie die dann auch regelmäßig treffen können.

hat der verspielte hund nicht genug kontakt zu artgenossen, dann reagiert er meist übermäßig aufgeregt auf hundebegegnungen.
das defizit an spielmöglichkeiten lässt ihn schnell mal heftig reagieren und auch im spielen zu grob werden.

was der verspielte hund übrigens auch lernen muss – und dazu braucht er ebenfalls die richtigen hundebegegnungen:
nicht alle hunde wollen spielen,
man kann auch einfach guten tag sage und weiterlaufen.
oder nur aneinander vorbeilaufen.

3. der coole

erwachsene hunde mit gutem sozialverhalten sind in der regel recht cool mit anderen hunden.
es entscheidet die individuelle vorliebe:
manche hunde findet er super, manche weniger.

manche von ihnen teilen gern ihr zuhause  mit einem zweiten hund (oder mehreren),
andere finden es gut, das haus und das sofa für sich alleine zu haben.

hier kommt es ganz auf die individuellen eigenschaften einerseits
und auf die vorgeschichte des hundes andererseits an.
ist der hund immer mit einem zweiten zusammen gewesen, dann wird er das allein sein weniger gut finden.
ist ihm allerdings dieser zweite immer auf die nerven gegangen, ist er vielleicht auch froh,
wenn er endlich alleine ist.

was sie trotzdem brauchen, sind zumindest gelegentliche hundekontakte.
schließlich tut es gut, hin und wieder die eigene “sprache” sprechen zu können,
gemeinsam auf erkundung zu gehen und sich in seiner hundenatur verstanden zu fühlen.

hat der coole typ gar keinen hundekontakt
(was mit ihm gut geht, weil er ja so cool ist – achtung falle!)
dann fallen ihm hundebegegnungen zunehmend schwerer,
weil er meist zu aufgeregt auf die seltene begegnung reagiert,
den anderen dann zu stürmisch angeht,
oder aber im gegenteil zu unsicher wird und sich schnell mal überfordert fühlt.

4. der desinteressierte

es gibt tatsächlich hunde, die sich nicht großartig für andere hunde interessieren.
die lieber zeit mit dem menschen verbringen und sich voll an ihm orientieren.

sie haben nicht wirklich ein problem mit anderen hunden
(wie die unverträglichen, siehe nächster punkt),
sie finden nur hunde nicht besonders spannend.

dabe haben wir es häufig mit hunden von rasse/mischungen zu tun, die sehr menschenbezogen sind
und mit hunden, die von anfang an sehr stark auf den menschen geprägt wurden
und die mit anderen hunden als welpen gelegentlich etwas überfordert waren.

manchmal sind es auch hunde, die in ihrem leben unzählige andere kennengelernt haben,
so dass die nichts besonderes mehr sind,
und die gleichzeitig gelernt haben: wirklich wichtig ist mein mensch!

mein montey war so einer: super souverän in seinem sozialverhalten, aber nicht besonders interessiert an anderen hunden.
so als würde er sagen: “kenn ich schon, nichts besonderes, weiter bitte”.
während der mensch (und sein zuhause) ihm unendlich wichtig waren, schließlich hatte er mehrfach sein zuhause verloren und war im tierheim gelandet.

den desinteressierten tut es gut, wenn sie selber entscheiden können,
ob sie mit einem hund kontakt haben wollen oder nicht,
und wenn sie gelegentlich etwas mehr zeit mit einem freundliche hund, den sie gut finden, verbringen können.

wenn man dem desinteressierten zuviel hundekontakt aufzwingt, stresst ihn das nur.
wenn er gar keinen mehr hat, verliert er womöglich seine guten manieren im umgang mit anderen hunden.
eigenbrötler wollen wir ja auch nicht unbedingt aus ihnen machen.

5. der unverträgliche

wenn ein hund von klein nach der trennung von seinen wurfgeschwistern auf gar keine erfahrungen mit anderen hunden gemacht hat
oder aber, wenn er negative erlebnisse mit anderen hatte (womöglich sogar schon im wurf!),
dann kann es passieren, dass er andere hunde nicht mehr haben mag.

in den anfängen äußert sich das als scheu, zurückhaltung oder angst.
schnell wird daraus aber auch abwehrverhalten und aggression,
wenn der andere einem zu  nahe kommt und die angst zu groß wird.

schlechtes “benehmen” anderen hunden gegenüber und unverträglichkeit haben immer einen grund!
es gilt zuerst mal zu respektieren, dass es diesen grund gibt und der hund nicht einfach “blöd” ist.
man darf einen unverträglichen also auf keinen fall zum kontakt mit einem anderen zwingen,
damit er es endlich mal lernt oder weil er das halt aushalten muss,
oder was immer es an bescheuerten begründungen geben mag.

allerdings hilft es auch nicht, den unverträglichen auf ewig abzuschotten
und jegliche begegnung auch auf große distanz oder gar jegliche hundesichtung zu vermeiden.
denn erstens geht das im alltag gar nicht
und zweitens hat der hund dann keine chance, was zu lernen und sein verhalten zu ändern.

was der unverträgliche hund braucht, sind kontrollierte begegnungen mit sicheren und souveränden hunden,
bei denen er die erfahrung machen kann, dass es gar nicht so schlimm ist
und dass andere hunde auch nett und freundlich sein können.
dazu braucht es in aller regel fachlich fundiertes begegnungstraining.

was der unverträgliche selten schätzt, sind vierbeinige mitbewohner –
außer er mag einen bestimmten hundetypus gern oder ist mit einem bestimmten hund aufgewachsen
und hat nur mit fremden hunden oder bestimmten hundearten probleme.

im alltag mit dem hund besteht die schwierigkeit oft darin, dass man den passenden hund für dein eigenen auch trifft und ihm die kontakte ermöglichen kann, die für ihn passen.

es hilft aber schon mal, wenn man wenigstens weiß, was der eigene hund denn an artgenossen braucht.
dann kann man sich gezielter auf die partnersuche machen….

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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