“über den sinn und unsinn von hundeprüfungen”

bh, bgh, ipo, therapiehundeprüfung, rettungshundeprüfung,….. prüfungen, prüfungen, prüfungen!
und ich stell mir heute mal die frage:

cui bono?
wem dient die prüfung?

dem hund?
dem menschen?
der allgemeinheit?

(und ich hoffe, alle prüfungsbegeisterten steinigen mich jetzt nicht gleich!)

mal ehrlich: wer von euch hat in der schule gern prüfungen gehabt? mathetest? chemieprüfung?
wer ist an der uni begeistert zur nächsten prüfung angetreten?
und wer geniesst seine steuerprüfung so richtig?

der hund ist da nicht viel anders!

prüfungen sind normalerweise jene situationen, wo der hund übungen, die er schon kann, unter deutlich mehr stress und mit schlechterer leistung absolviert.

der sinn will sich mir nicht recht erschließen.
daher erst mal ein paar gedanken zum unsinn der übung – und drei gründe, aus denen man jedenfalls NICHT zu einer prüfung mit seinem hund antreten sollte:

1. die (ohn)macht der gewohnheit

zur hundeprüfung geht man, weil man das halt so macht.  weil die hundeschule sie organisiert, weil der kurs mit einer prüfung endet und alle die machen,  also macht man sie auch.

“weil alle es machen” ist natürlich eine denkbar schlechte begründung. in meinen jungen jahren hat mein vater mich immer total genervt, wenn er meine (natürlich ausnahmslos vollkommen sinnvollen und begründeten!) jugendlichen wünsche und verweise auf alle anderen mit dem spruch abtat “und wenn alle anderen vom kirchturm springen, springst du dann auch?” so unrecht hatte er damit natürlich nicht, wie ich heute leise knirschend einräumen muss.

das selbe gilt für “weil es immer so war” oder “weil man das halt so macht”.

ja klar, in herkömmlichen hundeschulen läuft das halt seit jahr und tag so. aber bringt es DIR was? und noch viel wichtiger: bringt es DEINEM HUND etwas?

wenn du jetzt nicht wie aus der pistole geschossen drei gute gründe für dich und deinen hund nennen kannst (wie: “wenn ich die prüfung XY hab, bin ich auf die lebensdauer meines hundes von der hundesteuer befreit” oder so), dann überleg dir vielleicht nochmal, welchen sinn das alles hat.

und pfeif auf den gruppendruck.
flöte allen ein “mein hund braucht das nicht!” entgegen.
wenn du deinen hund stressen oder schlecht arbeiten lassen willst, gibt es dafür auch lustvollere möglichkeiten.

2. tierischer masochismus

damit ist jetzt nicht der mögliche masochismus deines hundes gemeint – tiere leiden daran eher selten!
nein, hier geht es um deinen masochismus, der sozusagen tierisch ausgeprägt den hund mit einbezieht.

wieso überhaupt masochismus?

was trifft eher auf dich zu:

a)  vor der prüfung bin ich entspannter und zufriedener als sonst, ich geh fröhlich hin und treffe auf eine reihe anderer entspannter und fröhlicher menschen, die vergnügt auf ihr prüfung warten und sie heiter absolvieren. und denen ihre prüfungsergebnisse so egal sind, dass sie kaum danach fragen.

b) vor der prüfung bin ich nervöser und angespannter als sonst, und klar merkt das mein hund auch. wir sind daher recht aufgeregt, wenn wir hingehen, und treffen dort auf eine reihe von auch recht nervösen und aufgeregten menschen mit ihren hunden, die auf ihre prüfung warten und sie oft mehr schlecht als recht absolvieren. den prüfungsergebnissen fiebern sie dann entgegen und hoffen auf einen gnädigen richter.

wenn du eher zu typ b gehörst und dich ohne zwingenden grund dieser situation aussetzt, ähm…. als was würdest du das denn bezeichnen?

das ist mal der moment, wo der spruch “da muss er durch” nicht nur für den hund gilt. und schon beim hund sollte er nie und nimmer nicht gelten dürfen!

3. vergleichender ehrgeiz

ha! hast du zwei punkte besser abgeschnitten als der blöde nachbar mit seinem unerzogenen … (bitte rasse je nach persönlichen vorlieben/abneigungen einsetzen)?

bist du stolzer besitzer eines prüfungsscheins vom fortgeschrittenen-level 27, den die mimi aus dem hundepark nie im leben schaffen wird?

ja, es menschelt halt gehörig auf dem hundeplatz. manchmal jedenfalls.
ob dein hund was kann oder nicht und das womöglich auch noch ausserhalb der hundeschule, sagt der schein eh nicht wirklich aus.

es ist der menschliche ehrgeiz, der da zuschlägt.
(meiner meinung übrigens einer der größten feinde von sinnvollem hundtraining).
und das schielen auf die anderen und deren abschneiden. (als würde der eigene hund besser an der leine gehen können, wenn ein anderer bei der prüfung durchfällt)

spannender wär’s doch, den eigenen hund mit dem hund zu vergleichen, der er vor ein paar monaten noch war! ist ja schließlich sowieso jeder hund anders und jeder mensch auch.

…und wo bleibt der sinn?

so viel also zum unsinn von hundeprüfungen.
aber wo bleibt der sinn?

ich muss zugeben, da muss ich ein bisschen überlegen.
ok, zwei punkte fallen mir ein:

1. der qualifikationsnachweis

es gibt natürlich bereiche, wo ein hund zum einsatz kommt und die für diesen einsatz erforderlichen qualifikationen nachweisen können muss.  ein blindenführhund etwa oder ein therapiehund. die müssen schließlich bestimmten anforderungen entsprechen, um ihrer aufgabe vernünftig nachkommen zu können.

ob man die am besten mit einer prüfung misst, bleibt aber dahin gestellt.
und ja, mir ist natürlich klar, dass es ein standardisierte und einheitliche methode geben sollte. nur sind die hunde nicht einheitlich und standardisiert….

und manche regelements ehrlich gestanden, formulieren wirs mal höflich “historisch gewachsen”. was soll es beispielsweise bringen, wenn ein blindenführhund – der mit seinem menschen ein team bilden soll und die daher beide in der ausbildung aufeinander eingeschult werden – in seiner offiziellen prüfung dann plötzlich einen wildfremden menschen führen soll?

prüfungsordnungen und reglements! das wäre erst ein langes kapitel… vielleicht ein ander mal.

2. die leistungskontrolle

eine prüfung sei ja nichts anderes als eine (regelmäßige) überprüfung des lernfortschritts und der leistung. stimmt. im prinzip zumindest.

ich bin auch sofort dafür,  den lernfortschritt im auge zu behalten und regelmäßig zu evaluieren. ich bezweifle nur, dass eine prüfungssituation die beste methode dafür ist!
(im online-kurs “lockere leine” gibt es dazu zum beispiel arbeitsblätter zum ausfüllen, wo man selber systematisch und regelmäßig die fortschritte überprüft).

schließlich wird dazu eine künstliche und unnötig schwierige situation geschaffen, in der eben nicht die normalen lernleistungen des hundes und seines menschen zu beobachten sind. klar muss das gelernte auch unter ablenkung noch abrufbar sein, aber alltagsablenkungen sind eben ganz was anderes als ein richteraufmarsch samt publikum in der hundeschule.

ich bin sicher, es gäbe sinnvollere formen der leistungskontrolle.
halt vielleicht ohne urkunde, pokal oder abzeichen am ende. die den hund ohnehin nicht kümmern.

 

eine prüfung könnte ich mir vielleicht doch ganz sinnvoll vorstellen:
eine prüfung in hundeverstand und sachkenntnis für den menschen (wenn sie vernünftig gemacht ist).
würdest du antreten wollen?

nein?  nicht unbedingt? weil …eh schon wissen …. prüfungen sind nicht so dein ding?
hmm….dem hund sein ding aber auch nicht.

 

(ps: alle, die ihre hundeprüfungen vollkommen cool, nur aus reinem spaß und nur mit ausnahmslos entspannten hunden bestreiten, mit sinnvollen prüfungsordnungen arbeiten und wichtige, alltagsnahe leistungen abfragen: wunderbar! ihr seid nicht gemeint und müsst euch nicht angesprochen fühlen.)

 

 

 

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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