ohren auf durchzug (teil 2): der dritte grund, warum der hund nicht ansprechbar ist

man ruft, doch nichts.
der hund ist nicht ansprechbar.
auch nicht (oder schon gar nicht) beim zweiten oder dritten mal rufen.

zwei zentrale missverständnisse über den „schwerhörigen“ hund haben wir bereits behandelt
(hier nachzulesen).
nun dritten missverständnis, einem echt großen brocken!

es ist ja so, dass manche hunde auch dann nicht hören,
wenn man ein rückrufsignal vollkommen neu aufbaut
und dabei auch korrekt vorgeht.

solange man beim üben ist, klappt es.
im norman alltag aber nicht wirklich.
höchstens dann, wenn alles andere gerade langweilig ist.

doch kaum gibt es den geringsten und leichtesten grund,
den hund von etwas abzurufen oder zu sich heranzurufen,
zuckt er vielleicht noch mit der ohrspitze oder hebt sogar den kopf –
und zeigt einem den stinkefinger.

hund nicht ansprechbar

 

rufen heißt rennen

der macht einfach weiter, was er gerade macht
oder rennt gar in die gegenrichtung weg.

wie gibt es das?

„der  hört nicht auf dich, weil er dich ärgern will“ heißt es dann gern.
schließlich hat der hund einen eindeutig gehört,
er hat (irgendwie) drauf reagiert. er tut bloss nicht das, was der mensch will.

allerdings nicht, weil er einen ärgern will.
er unterliegt vielmehr einem missverständnis.

für ihn heißt das rufen entweder: „geht mich nichts an, der mensch da ruft immer mal wieder und es hat nichts zu bedeuten.“
das ist dann der fall, wenn man sich den rückruf bereits kaputt gemacht hat –
durch dauernden wiederholen und den hund dann rufen, wenn er ohnehin nicht kommen wird.

das rückrufsignal ist dadurch in die sogenannte „erlernte bedeutungslosigkeit“ gerutscht.
für den hund ist es ungefähr so interessant wie vogelgezwitscher oder das rauschen des windes in den bäumen.

oder aber das rufen hat für ihn eine falsche bedeutung erlangt:
es fällt inzwischen unter „oh, da muss irgendwo was sein, sonst würd mein mensch nicht rufen“
(dann hält er erst mal ausschau, was er denn womöglich übersehen hat)
oder verrät dem hund unzweifelhaft, dass er jetzt sofort an die leine kommt
(was er lieber vermeiden möchte).

dazu kommt es, wenn man den hund immer nur dann ruft, wenn etwas auftaucht.
der hund missversteht das rufsignal daher als ankündigung, dass da was ist.
oder er wird immer nur gerufen, wenn dann die leine dran kommt
und das rufen ist die ankündigung fürs leinengehen geworden.

kein wunder, wenn der hund daraufhin nicht kommt
oder lieber auf sichere entferntung zum menschen bleibt.

die gestörte beziehung

schwieriger ist die sache, wenn der hund auch beim aufbau eines neuen rückrufsignals nicht viel anders reagiert.
da werden zwar die trainingsfehler vermieden,
es wird gezielt geübt und positiv aufgebaut,
und dennoch: so richtig klappen will es nicht.

das hat immer eine vorgeschichte.
eine belastende.

das rufen und hören existiert ja nicht im luftleeren raum.
es ist eingebettet in die beziehung zwischen hund und mensch.
hat der hund dabei einmal oder gar mehrfach die erfahrung gemacht,

  • dass die nähe zum menschen unangenehme konsequenzen hat
  • dass es nichts gutes verheißt, wenn der mensch was von einem will

dann speichert er das für die zukunft ab.

am deutlichsten tritt das dann zutage, wenn der hund die meisten möglichkeiten hat,
sich zu entziehen, auszuweichen oder zu verweigern.
im freilauf fällt nur am meisten auf,
was auch sonst vorhanden, aber weniger spürbar ist.

vor allem dann, wenn ein wenig anspannung oder aufregung dazukommen.
denn im erhöhten erregungspegel fallen neu gelernte lektionen (wie der neue rückruf) vom hund schnell wieder ab
und die älteren und vor allem die negativ besetzten muster brechen durch.

da kann man dann lang an einem neuen rückrufsignal üben,
es wird immer nur bei ein paar wiederholungen im übungsmodus klappen,
nicht aber auf dauer. nicht verlässlich.

nicht solange man nicht die gestörte beziehung wieder repariert
und eine neue ebene mit dem hund aufgebaut hat.

(jedenfalls hilft dabei – und generell für ein hohes maß an kooperation und  freiwilliger aufmerksamkeit für den menschen – der kurs „voll dabei“).

eine einzige ausnahme: wenn der rückruf nicht verlässlich funktioniert, weil der hund jagdliche ambitionen hat,
dann ist das eine andere geschichte – eine für nächste woche (blog gleich abonnieren, wenn das thema dich interessiert)

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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