wenn der hund durchstartet: ist er am hetzen, jagen oder hüten?

ob der hund nun am hetzen, jagen oder hüten ist, macht an der oberfläche erst mal das selbe problem:
er rennt los, irgendetwas oder irgendwem hinterher und lässt sich nicht mehr abrufen.
ein problem, das so ziemlich jeder hundemensch schon mal hatte.

doch gleich danach scheiden sich die geister:
“meiner ist eben ein jagdhund, dem liegt das im blut”
“das ist ein hütehund, die rennen immer allem hinterher”
“bei einem windhund darf einen das nicht wundern, dass der allem nachsetzt” 
und was die erklärungen noch so alle sind.

was davon stimmt?
und wieso ist es so wichtig, zwischen hetzen, jagen und hüten zu unterscheiden?

eines vorweg:
in allen fällen hat das bisherige rückruftraining nicht gereicht und der hund ist noch nicht fit für den freilauf in allen lebenslagen.
denn natürlich geht es nicht an, dass ein hund rehen oder radfahrern hinterher jagt.

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damit hören die gemeinsamkeiten aber auch schon auf.
hetzen, jagen und hüten haben nämlich sehr unterschiedliche ursachen
und erfordern ein differenziertes eingehen darauf, wenn man das problem los werden möchte.

hetzen

nehmen wir als erstes das hetzen.
darunter versteht man, dass der hund einer schnellen bewegung reflexartig hinterher rennt.
ob die bewegung von einem aufspringenden hasen, einem davonlaufenden kind oder einem vorbeiflitzenden radfahrer stammt,
ist dabei weniger wichtig.
die (meist schnelle) bewegung triggert den hund und der startet durch.

bei radfahrern oder kindern können auch andere ursachen als nur die bewegung schuld sein an der reaktion des hundes.
auf die gehen wir hier vorerst nicht ein, die schauen wir uns demnächst genauer im (kostenlosen) webinar “cool bleiben bei radfahrern, kindern und fremden”an, zu dem du dich gleich hier anmelden kannst:

das hetzen selber stammt zwar ursprünglich aus dem jagdverhalten, das eine sequenz aus einzelnen aufeinander folgenden elementen ist.
nach dem orten und fixieren kommt gleich das hetzen und beim wirklichen jagen dann das packen der beute.

beim reinen hetzen gibt es im unterschied dazu vorher kein orten und fixieren und vor allem danach kein packen und töten.
der hund sprintet einfach beim wahrnehmen einer schnellen bewegung “automatisch” hinterher und steht dann – sollte er schnell genug gewesen sein oder sein “opfer” einfach stehen bleiben – mit raushängender zunge da und tut weiter nichts.

das hetzen verfolgt nämlich keinen weiteren zweck.
es ist rennen, weil der andere rennt.
und wenn der aufhört, hört der hund auch auf.

hetzen hat also in der regel keinen besonderen zweck,
sehr wohl aber eine spezifische ursache: nämlich mangelnde impuslkontrolle des hundes.
daher tritt es besonders intensiv bei hunden oder in phasen auf, wo der stresspegel des hundes erhöht ist.

je aufgeregter der hund ist, desto geringer ist seine impulskontrolle und desto weniger kann er sich dem reflex zum hinterher rennen entziehen.

beim training gegen’s hetzen ist das wichtigste:
aufregung runterbringen, stressabbauen und impulskontrolle schulen.

jagen

ganz anders sieht die sache aus, wenn der hund eine tatsächliche jagdveranlagung mitbringt.
dabei verfolgt der hund mit dem hetzen – das wie gesagt ein teil der jagdsequenz ist – sehr wohl ein ziel:
nämlich die beute zu erwischen!

die voll ausgeprägte jagdsequenz reicht vom orten und fixieren der beute übers hetzen weiter zum packen der beute, totbeißen oder totschütteln und dann fressen der beute.

bei den meisten hunderassen ist die volle jagdsequenz bereits züchterisch unterdrückt
oder aber auf bestimmte elemente reduziert.
so wurden die vorstehhunde auf ausgeprägtes orten und fixieren der beute gezüchtet, sollen dann aber erst gar nicht hetzen.
oder die retriever sind spezialisiert auf hetzen und (sanftes) packen der beute, die sie dann aber bitte apportieren mögen statt selbst zu fressen.

das echte jagdverhalten kann nicht nur durch einen bewegungsreiz ausgelöst werden, sondern genauso durch gerüche.
der hund jagt dann auf spur oder auf sicht oder auf beides.

ganz typisch:
der jagdlich motivierte hund reagiert bereits auf gelände, in dem beutetiere sein könnten, mit aufregung
und braucht meist nicht erst den bewegungsreiz, um überhaupt auf jagdmodus zu schalten.

wenn die rede davon ist, dass ein hund autos oder radfahrer oder sonstiges jagt, dann handelt es sich also nicht wirklich um jagen, sondern um hetzen.
wenn er nachbars katze oder hühnern hinterherrennt, könnte es hingegen beides sein.
je nachdem, was er tut, wenn er sie erwischen würde (was wir lieber nicht ausprobieren wollen).

beim training gegen’s jagen ist das wichtigste:
ein solides anti-jagd-training, bei dem impulskontrolle, super rückruf und im idealfall das “beute melden” aufgebaut werden.

hüten

bleibt noch die sonderform des hütens.
sonderform deswegen, weil auch das hüten ursprünglich aus dem jagdlichen element hetzen entstanden ist.
züchterisch wurde es aber in andere bahnen gelenkt.

der hund rennt zwar auch hier (idealerweise nur auf signal des schäfers) einem bewegungsreiz hinterher,
allerdings vorrangig einer bewegung, die sich aus der gruppe (der anderen tiere) entfernt
und mit dem impuls, die bewegung durch umrunden des tieres wieder “einzufangen”
und die gruppe zusammenzuhalten
(was ohne entsprechendes training meist nicht so gut funktioniert).

typisch fürs hüten ist der sogenannte “outrun”:
der hund startet zwar vielleicht gradewegs einer bewegung hinterher,
sein lauf mündet dann aber in einer bogenförmigen bewegung wieder auf den menschen zu.
das ziel wär ja, die davonlaufenden schafe wieder in richtung mensch zu treiben.

hüten kann auch fehlgeleitet auftreten:
dann versucht ein hund mit ausgeprägter hüteveranlagung in ermangelung von schafen
menschengruppen zusammenzuhalten, andere hunde im haushalt oder gar die kinder herumzudirigieren.
zulassen sollte man das nicht, weil es erstens für die gehütetetn nicht besonders angenehm ist
und der hund auch nicht eigenständig bestimmen sollte, wann und wen er hütet.
das stresst nämlich auch ihn.

beim training gegen’s hüten ist das wichtigste:
entweder passende hütearbeit mit dem hund angehen oder als ersatz dafür die nötige (anspruchsvolle) geistige auslastung für den hund bieten.

es zahlt sich also immer aus, genau hinzuschauen, ob der hund nun am hetzen, jagen oder hüten ist.
keines davon darf als ausrede fürs unkontrollierte hinterher rennen verwendet werden
und jedes davon braucht den passenden trainingsansatz, wenn man weiter kommen will.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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