der "schnelle tipp" in der hundeerziehung und was dran ist

“hast du da mal schnell einen tipp” ist eine der häufigsten fragen, die ich bekomme.
(und wer diverse hunde-foren auf sozialen medien verfolgt, kennt den satz auch zur genüge).
gefolgt von entweder einer kurzen frage zur hundeerziehung oder der längeren schilderung eines problems mit dem hund.

das ist einerseits verständlich.
wer möchte schließlich nicht ein problem möglichst rasch gelöst haben?
je größer und drängender, umso lieber wär es einem, wenn es möglichst rasch verschwunden wäre.

andererseits ist es eine erscheinung unserer zeit:
alles läuft schneller, wir selber haben immer weniger zeit für langwierige prozesse
und da käme einem eine instant-lösung halt sehr entgegen
(oder man sucht eine beratung, die nichts kostet).

manchmal ist es auch tatsächlich so, dass eine kleinigkeit den riesenunterschied ausmacht
(und auf genau diese kleinigkeiten hab ich mich unter anderem ja spezialisiert).
nehmen wir das beispiel der eurasier hündin lizzy:

lizzy war bei mir in einer kursgruppe und entgegen dem ruf der rasse sehr kooperativ und menschenbezogen.
nur mit dem rückruf gab es probleme.
es war nicht so, dass sie nicht “gehört” hätte.  im gegenteil.
sie hörte den rückruf, schaute aufmerksam zu ihrem menschen –
und rührte sich aber keinen meter von der stelle. sie stand einfach da und schaute.

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der schnelle tipp war die lösung:
nicht frontal zu ihr stehen beim rückruf, sondern mit leicht gedrehter körperachse.
lizzy achtete penibel auf die körpersprache des menschen und missverstand eine frontale haltung als “bleib weg”,
kam aber freudig gerufen, wenn man sich neutraler hinstellte.
problem gelöst. mit einem einzigen kleinen tipp.

 

wer sich ein bisschen mit hundeerziehung beschäftigt hat, weiß aber auch eines:
so schnell lassen sich nur wenige probleme lösen,
denn fast immer muss der hund (und/oder der mensch) erst etwas lernen
und lernen ist ein prozess, der zumindest ein wenig zeit in anspruch nimmt.
und know-how braucht.

wann also kommt man mit einem schnellen tipp weiter,
wann reicht er nicht und wann wird er sogar brandgefährlich?

schneller tipp: hilfreich

am besten funktioniert ein schneller tipp dort, wo
– schon ein trainingsplan besteht und man eine kleinigkeit abändert, um bessere resultate zu bekommen
– es um eine simple frage der hundeerziehung geht
– eine sache mit etwas besserem management (vorübergehen) in den griff zu bekommen ist.

ein beispiel dafür:
der hund (ein labrador) regt sich bei futterbelohnung sehr schnell auf, selbst beim langweiligsten vorstellbaren futter.
auf ein lobendes wort alleine reagiert er aber nicht, was tun?

der schnelle tipp:
ein oder zwei tage lang jedes leckerchem mit einem vorangehenden (!) lobewort verknüpfen, damit das stimmliche lob mit bedeutung aufgeladen wird und man dann mit weniger leckerchen und mehr stimmlicher belohnung arbeiten kann.
sache erledigt, training kann nun ruhiger weitergehen.

oder ein anderes beispiel:
wie kann man dem welpen beibringen, dass er einen nicht anspringt?
der schnelle tipp: umdrehen, ignorieren, aber sofort aufmerksamkeit geben, wenn die vier pfoten wieder am boden sind.
oder noch besser: solange die vier pfoten noch am boden sind.

bei details und in einfachen fragen der grunderziehung kann ein schneller tipp also wirklich hilfreich sein.
anders sieht das aus, wenn es bereits probleme gibt.

schneller tipp: unzureichend

unerwünschtes verhalten ist üblicherweise mehrschichtig:
es hat eine emotionale ursache,
es gibt lernerfahrungen aus der vergangenheit
und zusätzlich bestärkungsmechanismen aus der umgebung oder (unbeabsichtigt) vom eigenen menschen.

die müssen erst erkannt und richtig eingeordnet werden,
bevor man sich an eine sinnvolle lösung machen kann.
ein schneller tipp greift da in der regel zu kurz
oder bleibt beim unterdrücken des symptoms hängen
(was oft genug alles noch schlimmer macht).

nehmen wir als beispiel hundebegegnungen.
der hund zerrt an der leine und bellt, wenn man einem anderen hund begegnet.

da funktioniert kein schneller tipp.
nicht mal ein “vermeide hundebegegnungen zur gänze”,
denn das lässt sich in der praxis nicht umsetzen und kann in manchen fällen das ganze zum eskalieren bringen,
wenn doch mal eine hundebegegnung zustande kommt.

da muss man schon mehrere faktoren berücksichtigen:
aus welchem grund gebärdet der hund sich so, wie ist sein erregungspegel, wie reagiert sein mensch, wie reagiert das gegenüber,
unter welchen umständen und bei welchen hunden passiert das oder läuft extra heftig ab, und und und.

bei den meisten fällen von unerwünschtem verhalten reicht der schnelle tipp schlicht nicht.
man braucht zumindest eine korrekte analyse und einige trainingsschritte, um das in erwünschte bahnen zu lenken.
mit einzel-übungen  und tipps ist das scheitern vorprogrammiert
(und dann heißt es gern “ich hab ja schon alles probiert, aber es funktioniert nichts”).

schneller tipp: gefährlich

wirklich gefährlich wird die suche nach dem “schnellen tipp” bei echtem problemverhalten.
damit meine ich etwas fälle von aggressivem verhalten oder schwerer angst beim hund.

es ist nachgerade fahrlässig, bei einem hund, der nach vorne geht, mit einem schnellen tipp auskommen zu wollen.
es ist völlig unakzeptabel, bei angststörungen oder einem hund, der nicht allein bleiben kann, mal einen schnellen tipp auszuprobieren.

ein beispiel (kam neulich tatsächlich als frage an mich):
der hund stellt besucher, die in den garten kommen, und wird dabei zur furie.

da gibt es einfach keinen schnellen tipp.
(noch nicht mal “lass den hund nicht im garten” wirkt, weil es zu gefährlich wäre, wenn dann doch mal das management versagt).
das ist eindeutig ein fall, wo dringend mit dem hund gearbeitet werden muss,
und zwar nach einem plan, der auf die ursachen des verhaltens eingeht und die beseitigt
(also nicht bloß das verhalten unterdrückt).

der einzig vernünftige “schnelle tipp”, den man dabei geben kann, wäre: umgehend eine fachlich kompetente beratung einholen!
das würde in vielen fällen mensch und hund viel verzweiflung und leid ersparen
(und je früher man sie sich holt, desto mehr erspart man sich und desto leichter ist das problem zu lösen).

ps: falls jemand eine beratung braucht oder einfach nur mal ein paar fragen zu seinem hund besprechen möchte, biete ich persönliche beratung auch online, die infos dazu findet ihr hier.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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