wasserspritze, schütteldose & co: was steckt wirklich dahinter?

hat dir auch schon mal jemand zu wasserspritze, schütteldose oder ähnlichem geraten?
leider sind solche ratschläge noch immer recht weit verbreitet.
nicht nur unter hundehaltern alten schlags, nein.
selbst in so manchem hundebuch oder von diversen trainern (zugegeben mäßiger qualifikation) wird dazu geraten, unerwünschtem verhalten des hundes mit wassersprühen, scheppernden dingen oder ähnlichem zu leibe zu rücken.

die idee dahinter:
kaum macht der hund etwas, was er nicht soll, gibt es eine für ihn sehr unangenehme konsequenz:
er wird nass gespritzt, es gibt ein furchtbar schepperndes geräusch, irgendein gegenstand (zum beispiel ein schlauchstück) klatscht neben ihm auf den boden….

und dadurch soll er dann lernen, dass der das nicht mehr machen soll, was er da eben gemacht hat.

die theorie dahinter?
falsches verhalten wird bestraft.
theoretisch jedenfalls…

strafe als erziehungsmethode?

hunde (und alle anderen lebewesen) lernen entweder durch erfolg – also bestärkung ihres verhaltens.
oder eben misserfolg, den der mensch mit diversen strafmethoden wie wasserspritze oder schütteldose herbeiführen will.

die sache hat allerdings mehrere haken:

erstens gibt es einen lerneffekt durch strafe nur dann, wenn die strafe absolut korrekt eingesetzt wird.
korrekt heißt: im exakt richtigen moment, in der exakt richtigen stärke und unweigerlich jedes einzelne mal, wenn der hund das verhalten setzt.

diese regeln lassen sich aber in wirklichkeit nur bei lernversuchen im labor einhalten.
nicht im praktischen leben und schon gar nicht in den wechselhaften momenten des zusammenlebens mit dem hund, wo eben nicht immer 100% unserer aufmerksamkeit beim hund sind und daher schon allein das timing der strafe nicht klappt.

der beste beweis, dass es nicht  klappt: wenn du den hund öfter als zwei- oder dreimal fürs selbe verhalten strafen musstest, dann funktioniert das strafen nicht!

es hat nur oft mal den anschein, als würde es klappen, weil die strafe eines hervorruft: verhaltensunterdrückung.
das heißt: wenn’s grad gescheppert hat, traut sich der hund erst mal kaum mehr was tun, schaltet ein paar gänge zurück und wartet ab, was als nächstes passiert.

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ganz ähnlich übrigens, wie ein autofahrer, der mit zu hohem tempo in eine radarfalle fährt.
wenn man grad geblitzt wurde, was macht man dann nämlich?
genau: man fährt plötzlich sogar langsamer als es erlaubt wäre.

was jeglicher logik widerspricht, denn direkt nach einer radarfalle steht ja nicht gleich die nächste, also könnte man eigentlich beruhigt ein stück rasen.
aber nein, auch wir menschen legen verhaltensunterdrückung an den tag.
wir fahren ein bisschen langsamer, ein stück weit zumindest.
denn dann merken wir, dass nichts weiter passiert und steigen wieder aufs gaspedal.

lerneffekt gleich null also.
nun, nicht ganz: denn das, was wir uns manchmal merken, ist wo die radarfalle stand und vielleicht erinnern wir uns beim nächsten mal an der stelle wieder dran.

strafe führt zu fehlverknüpfungen

dem hund geht’s oft ähnlich:
er verknüpft vielleicht nicht unbedingt den ort des geschehens mit der strafe, die ihm grade passiert ist.
aber irgendetwas verknüpft er damit immer:

den eigenen menschen, der ihm die strafe verabreicht hat.
das gegenüber, das er grade im auge hat, als die strafe einsetzt (zum beispiel den anderen hund)
eine zufällige wahrnehmung, die er grade macht.

da wird’s dann erst wirklich übel.
was passiert nämlich, wenn der hund die unangenehme erfahrung oder die schmerzen auf das kind, den gelben ball oder den grad vorbeifahrenden weissen lieferwagen zurückführt?

er wird so reagieren, wie es für alle lebewesen normal ist: mit meideverhalten oder abwehr gegenüber dem auslöser, also dem kind, den gelben ball oder den weissen lieferwagen.
dann hat er zwar was gelernt durch die strafe, aber das völlig verkehrte.
und etwas, das ein vorhandenes problem entweder viel größer macht oder ein ganz neues geschaffen hat.

strafe zerstört das vertrauen

in vielen fällen versteht der hund ganz richtig, dass die strafe nichts mit dem kind oder dem lieferwagen zu tun hat.
nein, er weiß genau, dass sie von seinem menschen kommt.
(und kann oft genug aber nicht nachvollziehen, warum!)

von dem menschen, dem er seine sicherheit anvertrauen soll.
dem menschen, der für ihn sorgen und ihn beschützen soll.
dem menschen, an dem er sich orientieren soll und dem er gern vertrauen möchte.

aber immer, wenn es eng wird, kommt vom menschen kein rückhalt, sondern womöglich eine strafe?
ob das nun ein scheppern mit der rappeldose oder trainingsdiscs ist, ob er mit wasser angesprüht oder angebrüllt wird, oder was immer grade die gängigste methoden der diversen fernsehtrainer der ahnungslosen sorte sind, spielt dabei wenig rolle.

der hund lernt nämlich: in dem moment, wo es eng wird, hilft mir mein mensch nicht.
ganz im gegenteil: er “haut” mich (im übertragenen sinn hoffentlich nur).

kein wunder, wenn der hund daher in diesen situationen sein schicksal lieber selber in die hand nimmt
statt auf seinen menschen zu hören.
und kein wunder, wenn der dem eher wenig vertraut, wenn es drauf an kommt.

denn machen wir uns nichts vor:
so ziemlich jedes verhalten,  wo der mensch mit strafe einschreiten will, ist

  • entweder ein moment, wo der hund überfordert ist und hilfe bräuchte – zum beispiel, wenn eine hundebegegnung für ihn zu aufregen wird
  • oder wo er nie gelernt hat, was er richtigerweise tun soll – wie menschen nicht anspringen oder nicht aufs sofa hüpfen – und wessen fehler ist es denn, wenn er es nicht gelernt hat?

was wirklich dahinter steckt

aus der lernforschung wissen wir also ganz genau, dass strafen in der hundeerziehung nichts bewirkt,
außer unangenehmen nebenwirkungen.

warum aber greifen dann doch noch so viele zu wasserspritze oder schütteldose?
das hat 3 zutiefst menschliche und sehr emotionale gründe
(hat also mit vernunft, wirksamkeit oder lerneffekten nichts zu tun!)

1.  “man muss doch was tun”

man kann doch den hund nicht einfach tun lassen, wenn er was verkehrtes macht, heißt es dann.
man müsse doch was tun dagegen.

ja, schon.
aber eben was sinnvolles!
nämlich viel früher eingreifen und dem hund eine alternative aufzeigen!
bei fast allen gängigen formen von fehlverhalten würde es zum beispiel völlig genügen, wenn man den hund mit einem gut aufgebauten aufmerksamkeitssignal zu sich “holt”. denn er kann ja nicht gleichzeitig auf seinen menschen hören und zu ihm schauen/laufen und gleichzeitig fremde anspringen, andere hunde verbellen, radfahrer jagen oder was immer er so tut.

was ganz schlichtes wie ein aufmerksamkeitssignal würde reichen!
(wie du das in nur 14 tagen solide aufbaust, erfährst du in der kostenlosen “aufgepasst”-challenge, einfach anmelden und mitmachen).
vorausgesetzt der mensch ist bereit, seinen teil beizutragen.

 

2.  hilflosigkeit

zu strafmethoden greifen menschen dann, wenn sie sich anders nicht mehr zu helfen wissen.
da kommen dann die eigene hilflosigkeit und der frust, dass man die kontrolle über die situation verliert, zusammen.
und “boom” hagelt es strafe.

bringen tut das natürlich nichts.
außer einer sache – und die ist fatal!

es gibt eine emotionale entladung für den menschen, die sehr befriedigend wirkt.
wie beim hund auch, sind ausgelebte aggressionsepisoden (und was anderes als ein aggressiver akt ist strafe ja nicht) extrem selbstbelohnend.

was sich so befreiend und “gut” im gehirn anfühlt, wird dann schnell wiederholt und gar zur gewohnheit.
auch wenn man in kühleren momenten sieht, dass der gewünschte lerneffekt beim hund ganz offenkundig ausbleibt.

dazu kommt, dass viele hundemenschen zumindest anfangs ja wirklich nicht wissen, wie sie mit unerwünschtem verhalten am besten umgehen können.
(eine entschuldigung, die ich für hundebücher und hundtrainerInnen nicht gelten lasse).
aber spätestens dann, wenn man einmal einer situation hilflos gegenübergestanden hat und vielleicht sogar einen brüller losgelassen hat, sollte man sich schlau machen, wie man beim nächsten mal besser damit umgeht.

3.  fehlende impulskontrolle

bleiben noch all jene, die eigentlich genau wissen, dass es nichts bringt, den hund anzuschnauzen oder grob zu werden,
die aber dann im entscheidenden moment die nerven verlieren.
und sich nicht mehr im griff haben.

die ironie an der sache:
meist genau in dem moment, wo der hund zuwenig impulskontrolle hat und daher irgendwas tut, was er nicht sollte.
(andere verbellen, fressbares klauen, jemand anderem hinterher hetzen….)

die fehlende impulskontrolle straft der mensch dann mit der eigenen fehlenden impulskontrolle!
verkehrte welt!
da soll der hund seine impulse im zaum haben, aber der angeblich viel vernunftbegabtere mensch schafft das selber nicht?

 

alternativen zu strafen

den diversen strafmethoden wie wasserspritze oder schütteldose liegt ein fataler denkfehler zugrunde.

sie stellen nämlich die frage:
was tut man, wenn der hund was falsch macht?

das ist aber die falsche frage.
die richtige frage ist viel mehr:
wie erreiche ich, dass der hund das richtige macht?

wenn man sich mal drauf konzentriert,
a) zu wissen, was der hund in genau dem moment denn tun soll
b) ihm das richtige von anfang an zu zeigen und
c) das richtige verhalten konsequent zu belohnen, bis es fix etabliert ist,

dann wird man feststellen, dass man gar keine strafe braucht.
genau da fängt gute hundeerziehung an.

und alles andere – wasserspritzer, schütteldosen & co – kann man getrost vergessen und auf der müllhalde der hundetrainings-geschichte entsorgen. nirgends sonst gehören die dinger nämlich hin.

 

 

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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