was dein hund über dich verrät (teil 2)

die reaktionen deines hundes verraten so einiges über dich – zum beispiel über deine ängste oder aversionen, was thema im letzten blog-artikel (teil 1) war.  aber auch deinen erziehungsstil und dein (heimliches) lebensmotto kannst du nicht verheimlichen, wenn du deinen hund an deiner seite hast. der ist nämlich ein abbild davon – zumindest, wenn er schon seit welpenalter oder doch recht lange bei dir ist.

(na, ist das nicht echt ein weiterer grund dafür, sich einen erwachsenen hund aus dem tierschutz zu nehmen 🙂 ?).

wir haben ja alle unsere eigene art, ans leben, an anstehende themen oder an die erziehung unserer tiere (und nicht nur tiere) heranzugehen. einen teil davon treffen wir bewusst – der interessiert uns heute hier weniger. ein anderer teil läuft eher unbewusst oder jedenfalls nicht beabsichtigt. und den kannst du an deinem hund ablesen! hier mal ein paar recht häufige typen….

anmerkung: natürlich gibt es für jede im weiteren genannte verhaltensweise auch andere mögliche gründe, also mach dich nicht verrückt, wenn was auf dich zutrifft, aber schau mal selbst-kritisch hin :-).

was tut dein hund….?

schau dir doch mal deinen hund an und überleg, ob er zu einem der folgenden „typen“ gehört – also die typische verhaltensweise häufig oder gar regelmäßig zeigt, nicht nur hin und wieder mal.


1. der-ohren-auf-durchzug-typ: 
dieser hund hat ein ausgezeichnetes gehör, er hat bloss beschlossen, es nicht für dich zu verwenden! sondern ganz im gegenteil, dich gezielt auszublenden (ausgenommen das plastiksackerl in deiner jackentasche mit den leckerlis raschelt, das hört er sehr wohl!). der hund wirkt meist, als würde er gar nicht bemerken, dass du da bist und was von ihm willst. an der leine stemmt er sich gern von dir weg oder schnüffelt an allem ausdauernd herum und reagiert null auf dich.

2. der-ich-mach-was-ich-will-typ: im unterschied zum obigen typen hört dich dieser sehr wohl und kann sogar recht aufmerksam sein. was allerdings nicht heißt, dass er auch tut, was du möchtest. typisch für diesen hund ist, dass du ihm ein signal gibst, er reagiert auf dich, hebt den kopf und schaut dich an. und dann macht er es entweder – oder auch nicht. häufig eher nicht. weil er sich die sache überlegt hat und grade nicht will. manchmal will er aber doch.

 

3. der-ich-zerr-dich-hinter-mir-her-typ:  für diesen hundetyp ist die leine ein zerrspiel. er weiss, wo er hin will und dort marschiert er auch hin. zielstrebig. ohne rücksicht auf das gewicht, das an ihm dranhängt.  und lasst euch nicht täuschen! nicht nur große hunde gehören zu diesem typ, auch chihuahuas lassen sich in dieser kategorie finden! was sie alle verbindet: sie haben die kunst der schwerpunkt-optimierung perfektioniert und sind daran zu erkennen, dass sie kaum jemals auch nur versehentlich die leine locker lassen.

 

4. der-hasch-mich-wenn-du-kannst-typ:  diesen hundetyp erkennst du ganz leicht an einer sache: es ist leicht, ihn abzuleinen, es ist sogar recht einfach, ihn zu rufen. aber ihn wieder an die leine zu kriegen kann zwei bis drei menschen erfordern! das ist der hund, der schnell herangesaust kommt, sich vielleicht sogar im vorbeirennen sein keksi krallt und weg ist er wieder. ganz fröhlich und fidel. vor allem, wenn in der nähe hundekumpels, spannende gerüche, freie flächen, lustige menschen oder eine kombination davon zu finden sind (und eins davon ist praktisch immer da!).
5. der-ich-folg-dir-auf-jedem-schritt-typ:  das ist der hund, der dich nicht aus den augen lässt, der aufspringt, sobald du dich rührst. der dir nicht von der seite weicht, wenn du auch nur ins badezimmer willst. alleine duschen? keine chance.  heimlich um mitternacht den kühlschrank plündern? dein hund hilft dir dabei.  keine bewegung entgeht ihm! was übrigens nicht heißt, dass er draußen genauso aufmerksam wäre! der eine ja, der andere nein.

 

 

….und was sagt das über dich?

1. der mensch des „ohren-auf-durchzug-typen“ gehört meist zu einer von folgenden beiden gruppen:

  • der-kontroll-freak: unglaublich viele menschen haben das große bedürfnis, ihren hund unbedingt „unter kontrolle“ halten zu müssen. logischerweise meist solche, deren kontrollbedürfnis auch sonst grad nicht klein ist, weil sie den eindruck haben, sonst entgleitet ihnen sofort alles und die welt versinkt im chaos. aber was macht das mit dem hund? kontrolle in der hundeerziehung geht immer mit druck und einschränkung einher. „du machst jetzt sofort, was ich sag!“ ist die einstellung dahinter, und wenn der hund grad nicht kann oder will, dann steigt der druck! bis der hund (falls er nicht eingeschüchtert und geknickt ist) eine wirksame gegenstrategie entwickelt: er lässt den druck an sich abperlen, er stellt die ohren auf durchzug und blendet dich aus! es handelt sich dabei weniger um „ungehorsam“, sondern mehr um eine sehr aktive form von meideverhalten.  atme doch mal tief durch, lass den druck raus und sieh mal, wie dein hund dann reagiert
  • die quasselstrippe: wie geht’s dir, wenn jemand pausenlos auf dich einredet und dich von morgens bis abends zutextet? nicht so prickelnd. und es ist dabei schon ziemlich egal, ob es ein netter oder nerviger ton ist, der nonstopp auf dich einprasselt. irgendwann ist einfach genug. irgendwann machst du dich entweder vom acker  oder  – wenn das nicht geht, weil du ein hund bist und nicht so leicht ausziehen kannst – stellst du deine ohren auf durchzug. dann mag dein mensch hinter dir herflöten, rufen oder quasseln, was er mag. du hörst ihn einfach nicht mehr! nicht, weil du ihn nicht magst oder nicht gut erzogen wärst, sondern weil es einfach zu viel ist.
    probiers doch mal mit stille, kommunizier mit deinem hund mal einen spaziergang lang so weit wie möglich nur mit sichtzeichen oder ganz leise. du wirst überrascht sein!

 

2.   der „laissez-faire“-typ ist meist der mensch, der den „ich-mach-was-ich-will“-hund hervorbringt. derjenige, der sagt „sitz“, und nochmal „sitz“ und sich dann denkt „ok, auch egal“, wenn sich der hund nicht hinsetzt (und ihm vielleicht sogar das keksi gibt, weil man’s doch schon in der hand hat).  ist ja alles nicht so wichtig, oder? im ernstfall ist das dann allerdings weniger lustig! und während manche hunde damit gut zurecht kommen, im leben selber alle entscheidungen zu treffen, ist es für manche ganz schön anstrengend. denn hinter dem „laisse-faire“-stil verbirgt sich häufig nicht nur ein mangel an konsequenz, sondern auch eine geringe bereitschaft, verantwortung zu übernehmen oder klare ziele zu verfolgen. beides würde deinem hund das leben aber oft erleichtern (und dir vermutlich auch). frag dich doch mal: was will ich wirklich? und dann gib deinem hund mal einen tag lang nur jene signale, die dir wirklich wichtig sind und die dann auch umgesetzt werden. und am nächsten tag gleich nochmal….

 

3. die „kämpfer-natur“ und das „arme opfer“ passen perfekt zum „ich-zerr-dich-hinter-mir-her“-hund! das sind zwar zwei sehr unterschiedliche menschen-typen mit unterschiedlichen philosophien an der leine, doch das ergebnis ist häufig das selbe: der zerrer an der leine!

  • der „kämpfer“ ist überzeugt, dass im leben alles anstrengend ist und man sich mit kampf und kraft am besten behauptet. der stärkere gewinnt! survival of the fittest! mit kraft geht er auch ans leinentraining heran. dummerweise erzeugt zug aber gegenzug! und während man dem welpen so vielleicht noch beikommt, übersieht die „kämpfer-natur“ zwei dinge: erstens dass der welpe zum großen und kräftigen hund heranwächst und zweitens, dass er bis dahin genau das gelernt hat: der stärkere beim zerrspiel gewinnt. mit spätestens 25 oder 30 kg ist der geübte leinenzerrer mit seinem vier-bein-antrieb dann praktisch nicht mehr zu halten. und mit jedem schritt, den er seinen menschen hinter sich hergezerrt hat, speichert er das zerren als erfolgsrezept ab und zerrt nur um so stärker, wenn es nicht gleich klappt. der „kämpfer“ hat auch meistens einen größeren hund an der leine, gerät er an einen kleineren, dann könnte der hund vermutlich recht bald einen besuch beim chiropraktiker brauchen.
    die spirale von zerren und gegenzerren kann nur einer verlassen: der mensch! der seine strategie von kraft auf köpfchen ändert und sauberes leinen-training aufbaut 🙂
    (wenn du eine anleitung dazu brauchst, gibt es hier die online-leinenkurse)
  • die „opfer-natur“ ist das genaue gegenteil vom kämpfer. sie weiss von vorneherein, dass kämpfen sinnlos ist, das man „eh nichts machen kann“, dass sie ohnmächtiger spielball eines unvorhersehbaren schicksals ist, dem man sich am besten einfach ergibt. und wenn das schicksal ein 2kg chihuahua und man selber ein 80kg schweres opfer, dann ändert das auch nichts daran, dass man nichts machen kann und am besten an straffer leine seinem hundchen hintertrappelt, weil der eben so zieht. und man halt nichts machen kann. innere stärke ist nicht die stärke der „armen opfer“, wohl aber die ihrer hunde!  probier mal, einfach mit angewurzelten füßen und angewinkeltem arm stehen zu bleiben, wenn der hund zieht? und ihn dann dafür zu belohnen, wenn er zurückkommt und dabei die leine locker lässt? (achtung, das kann dauern! also geduldig warten. und fest stehen bleiben).

 

4.  der „ungeduldige“ menschen-typ steckt meist hinter dem „hasch-mich-wenn-du-kannst“-hund. manchmal sogar einer, bei dem sich die ungeduld schnell zu emotionalen ausbrüchen steigert – sei es aus überforderung oder wegen eines cholerischen temperaments. das dumme an der sache: bei einem sensiblen und schlauen hund reichen 2 oder 3 solcher ausbrüche und es entsteht ein teufelskreislauf. der ausbruch muss nicht mal heftig gewesen sein – da will man den hund anleinen, der kommt nicht gleich, weil er noch dringend schnüffeln muss und schon passiert’s: ein genervtes „jetzt geh schon her da“ plus nicht ganz so sachtem schnappen des hundes samt anleinen, das war’s. mehr braucht es nicht! beim nächsten mal ist der hund vielleicht schon ein bisschen auf der hut und spätestens beim dritten mal weiss er genau, was du im schilde führst, wenn du ihn erst rufst und ihm dann plötzlich entgegenkommst – und er rennt weg. und du versuchst, ihn noch schnell mit einem hechtsprung zu erwischen. was deine stimmung nicht hebt und die deines hundes auch nicht. also bleibt er nächstes mal erst recht außer reichweite. und weil du nun mal ungeduldig bist und es immer schnell gehen muss und für warten einfach keine zeit ist, wirst du erst recht ärgerlich und versuchst den hund zu schnappen… und so weiter und so fort. was der „ungeduldige“ typ dabei übersieht? es dauert so viel länger! nimm dir doch mal zeit für eine kleine übung: hund rufen, an ort und stelle stehen bleiben, und superkeksi neben dich legen, hund NICHT anleinen, wenn er kommt! mach das ein paar mal und irgendwann leinst du ihn nebenbei ganz ruhig an. fertig.

 

5.  die „(über-)-fürsorglichen“ sind meist diejenigen, die sich mit konstanter aufmerksamkeit und aus unermüdlicher sorge ums wohlergehen ihres hundes einen „ich-folge-dir-auf-jedem-schritt“-hund heranziehen. weil jede regung des hundes mit aufmerksamkeit bedacht wird, jeder blick und jeder schritt zu einem „ach, möchtest du was schätzchen“ oder einem „was ist denn nu?“ oder wenigstens einem kurzen streicheln oder einem lächeln führt, weil er grad so süß schaut, wird der hund damit für jede dieser regungen belohnt, mit aufmerksamkeit nämlich. und was belohnt wird, macht der hund bekanntlich öfter! bis er den ganzen lieben tag lang hinter seinem menschen her ist und sich die aufmerksamkeit holt. das ist ganz schön anstrengend! in erster linie für den hund, der kommt nämlich nie dazu, auch untertags mal ein paar stunden entspannt zu schlafen (außer du bist außer haus). was er aber dringend bräuchte, damit er nicht aus lauter stress dauernd hochschreckt, kaum dass du dich rührst. versuch mal, nur mit einem tiefen ausatmen drauf zu reagieren, wenn dein hund dir folgt. aber sonst nichts, kein blick, kein streicheln, kein ansprechen, auch kein wegschicken oder sonst was. einfach merken, dass er da ist und tief ausatmen und nichts weiter.

 

natürlich gäbe es noch eine ganze reihe weiterer typen, die man beschreiben könnte – bei den hunden wie bei den menschen. und natürlich ist nichts davon wissenschaftlich fundiert, einfach nur beobachtungen von mir. nehmt es also nicht tierisch ernst und denkt immer dran, das  verhalten deines hundes kann auch ganz andere ursachen haben. aus dem kontext und anhand der körpersprache deines hundes lässt sich am besten herausfinden, warum er es macht! also hund gut „lesen“!

 

ps: wenn du eine „lesehilfe“ für deinen hund möchtest, kann ich dir die webinare zu „hundesprache“ oder den online-kurs „hundesprache verstehen“ für die praktische umsetzung (oder beides zusammen) sehr empfehlen!

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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