warum bravsein und liebe nichts miteinander zu tun haben (sollten)

mal ehrlich:
passiert es dir auch manchmal, dass du dir denkst, dein hund sollte jetzt tun, was du willst – um der liebe willen?
du tust soviel für ihn, weil du ihn liebst. also könnte er auch mal was für dich tun, wenn er dich liebt.

natürlich wissen wir vom kopf her, dass das unfug ist.
aber taucht nicht doch hin und wieder so ein gefühl auf?

ganz insgeheim vielleicht?

das wäre kein wunder!

schließlich funktionieren menschliche beziehungen ja auch oft nach genau diesem muster. kindererziehung sowieso.

wenn du mami/papi lieb hast, dann isst du jetzt deinen spinat auf.
bähh!!!
jetzt ist mami/papi aber ganz traurig….

echt bescheuert, wenn ihr mich fragt!

und es wird um nichts besser, wenn das auf die hunde übertragen wird.

in der herkömmlichen hundeerziehung wird natürlich nicht von bravsein oder liebe gesprochen (wo kämen wir denn da hin 🙂 ).

nein, da heißt es dann gehorsam und bindung!

und wenn der hund nicht gehorcht, dann liegt es vermeintlich an der fehlenden bindung.

ja wirklich, es kommen immer wieder (meist recht unglückliche bis verzweifelte) menschen zu mir, denen irgendjemand erklärt hat, ihr hund hätte keine oder zu wenig bindung an sie, weil er zum beispiel an der leine zieht. oder nicht immer kommt, wenn man ihn ruft.

dabei  fehlt dem hund nur eines:

richtig. erziehung!

die bindung ist noch bei einem jeden mensch-hund-team da gewesen, das ich bislang kennen gelernt habe. unterschiedlich ausgeprägt, weil es eben unterschiedliche bindungstypen gibt, beim menschen wie beim hund. aber vorhanden war die bindung. nur das richtige gelernt hatte der hund eben noch nicht immer.

in wirklichkeit können hunde kaum anders, als eine bindung zu ihrem menschen aufzubauen. zumindest hunde im einhunde-haushalt. hunde sind soziale lebewesen. sie brauchen soziale bindung für ihre psychische gesundheit. daher schließen sie sich ziemlich unmittelbar an zumindest einen menschen an.

besonders deutlich wird das bei sehr ängstlichen oder sehr mißtrauischen hunden aus dem tierschutz.  für die kann es oft eine schier unüberwindliche hürde sein, die nähe von fremden menschen zu tolerieren oder alle haushaltsmitglieder als harmlos einzustufen. aber eine person ist immer da, an der sie hängen. und das oft vom ersten tag an.

das liegt daran, dass jeder hund irgendeine soziale bezugsperson (oder ein solches wesen) braucht. lebensnotwendig braucht.  daher binden sie sich rasch an den menschen.

welpen, die neu in eine familie kommen, machen das sowieso ganz leicht und nicht nur an eine person. erwachsene hunde, die in ein neues zuhause kommen, im regelfall ebenso. bindung liegt in der natur der hunde. und der menschen!

also geh ruhig davon aus, dass dein hund eine gute bindung an dich hat!

aber geh bitte nicht davon aus, dass er alleine deswegen schon weiß, was von ihm erwartet wird.
oder dazu bereit wäre, das erwartete auch tatsächlich zu tun!

es gibt einen riesenunterschied zwischen

1. bindung
2. erziehung
3. motivation

bindung ist die enge emotionale, soziale beziehung zwischen zwei lebewesen. sie verleiht sicherheit und stabilität. und sie kann recht unterschiedlich ausgeprägt sein (die bindungstheorie nach bolby unterscheidet sicher, unsicher vermeidend oder unsicher ambivalent) und wird vom charakter der beiden wesen beeinflusst. wie weit dein hund sich zum beispiel von dir entfernt, sagt viel über seine eigenständigkeit, seine sicherheit vs. ängstlichkeit (oder sein jagdverhalten!) aus, aber wenig über eure bindung.

erziehung ist das, was du deinem hund beibringst – und zwar nach den allgemein gültigen lernregeln. also: was erfolg bringt, wird weiter gemacht. was keinen erfolg bringt, lässt man bleiben. erziehung ist übrigens nur ein teil dessen, was ein hund lernt. es gibt ja auch ziemlich viel, was er sich selber beibringt oder von anderen (menschen oder hunden) lernt. lernen braucht zwar ein halbwegs angstfreies umfeld, erfordert aber keine bindung. es erfordert nur das erkennen und abspeichern, dass manche verhaltensweisen sich lohnen und andere nicht.

motivation schließlich beinhaltet, wohin die aufmerksamkeit gerichtet wird und welche prioritäten der hund setzt. es gibt hunde, die es ihrem menschen unheimlich gern recht machen wollen. die bringen natürlich gleich mehr aufmerksamkeit und nähe zu ihrem menschen ins lernen ein. insbesondere verglichen mit sehr eigenständigen, schnüffel-motivierten hunden, deren prioritäten da etwas anders gelagert sind! aber auch das hat nur sehr sehr wenig mit der bindung zu tun. was sich auch daran zeigt, dass die motivation und die aufmerksamkeit je nach tagesverfassung und situation starkt schwanken können (was die bindung nicht tut).

was das für die praxis heißt?

ganz simpel zusammengefasst:

1. mach dir keine sorgen, dass dein hund dich nicht genug liebt oder eine „schlechte“ bindung hat, nur weil er nicht tut, was du willst!

2. erzieh deinen hund! bring ihm die dinge bei, die du haben möchtest, und sorge dafür, dass er sie erstens versteht und dass sie sich zweitens für ihn lohnen.

3. achte bei der erziehung drauf, was deinem hund grundsätzlich wichtig ist und was weniger.  und in welcher tagesverfassung er (und du) grade ist. pass deine übungen und vor allem deine belohnungen daran an.

ein beispiel dazu:
maroni hat eine sehr sichere bindung zu mir, ist aber rassetypisch sehr eigenständig und empfindet auch 300m noch als „nahe“ bei mir. wäre die bindung unsicher oder der hund weniger eigenständig oder gar ängstlich, würde sie den radius viel kleiner halten.
weil aber ich den radius kleiner halten will – so eine gewisse jagdfreude bringt maroni ja durchaus mit – musste ich sie dazu erziehen. maroni hat also gelernt, im freilauf nicht weiter als 10-20m weit weg zu gehen. und ich hab gelernt, dass das häufiges belohnen erfordert, wenn wir in spannendes gebiet kommen, weil motivation und aufmerksamkeit schon sehr richtung wildenten tendieren und ich ein entsprechendes gegengewicht setzen  (oder sie anleinen) muss.

ein anderes beispiel:
wenn in einem haushalt sehr unterschiedliche erziehungsstile angewandt werden und ein mensch den hund mit viel druck und strafe erzieht und der andere mit freundlichkeit und belohnung, kann es durchaus sein, dass der hund beim ersten menschen „braver“ wirkt. ist das nicht völlig verkehrt?
nun, beim ersten menschen ist er  eingeschüchtert und verunsichert. daher tut er  sicherheitshalber möglichst wenig, damit nur ja nichts falsches dabei ist. der lerneffekt ist eingeschränkt, der hund unglücklich, aber „brav“.

rate mal, zu wem er aber die hauptsächliche bindung haben wird? richtig: zum zweiten menschen. bei dem er sich dann auch viel mehr traut, er selber zu seien…. und dann kommen halt die (noch) vorhandenen unerzogenheiten an den tag. kein drama. kann man dem hund ja alles beibringen!

natürlich kannst du nicht nur was für die erziehung deines hundes tun.

du kannst auch was für die beziehung zwischen dir und deinem hund tun. also die qualität eurer beziehung pflegen. euer miteinander bewusst gestalten, den alltag, die gemeinsame zeit unterwegs …..

dazu gibt es dann mehr im online-kurs „die bindung vertiefen“. er startet am 1. dezember. reservier dir jetzt schon deinen platz, wenn dich das thema interessiert.  für frühbucher bis zum 31. oktober gibt es übrigens einen bonus und du zahlst 10 euro weniger (nur 50 euro statt regulär 60). findest du mehr info darüber.

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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