BLOG


by brigid

August 29, 2021

der besuch hat noch nicht mal das haus betreten, und schon gibt es randale vom hund:
aufgeregtes rumrenn, bellen, an der tür hochspringen (der gleich am besucher) –
alles verhaltensweisen, die man nicht haben will
und die das willkommen heißen eines besuchers zu einem schwierigen manöver machen.

warum aber regt sich der hund überhaupt so auf?
sogar bei menschen, die er sowieso kennt und vielleicht sogar mag?

unsicherheit

bei einem hund, der fremden menschen gegenüber generell zurückhaltend oder ängstlich begegnet,
kann man die reaktion ja verstehen.

er mag es sowieso nicht, wenn ihm unbekannte personen zu nahe kommen,
und dann tauchen die ausgerechnet in den eigenen vier wänden auf,
dort wo er sich bislang vor der welt in sicherheit fühlte.

noch dazu läuft es in der regel so ab,
dass diese fremden direkt auf ihn zukommen –
sich in hundesprache also bedrohlich verhalten.

bei bedrohung hat der hund im prinzip zwei optionen:
flüchten oder kämpfen.

wegrennen nd flüchten kann er in der wohnung nicht.
bleibt ihm also nur mehr die gegenwehr.
eine der ersten stufen von abwehrverhalten sind knurren und bellen,
genau das findet im vorzimmer dann statt.

und hat der hund erst mal festgestellt, dass bellen nicht hilft,
sondern womöglich noch zu weiterer bedrohung führt
(weil der fremde nun noch näher kommt und beruhigend auf den hund einredet
der gar versucht, ihn zu streicheln),
dann kann es schon vorkommen, dass der hund auch hinschnappt.

beim unsicheren hund ist die sache also klar:
er regt sich auf, weil er sich auge in auge mit einer „gefahr“ wiederfindet.

warum aber regen sich so viele hunde über besuch auf,
die mit menschen eigentlich gar kein problem haben?

der warnruf

dazu werfen wir einen kurzen blick in die ur- und frühgeschichte der mensch-hund-beziehung:

hunde und ihre wölfischen vorfahren leben in sozialverbänden
und richten klarerweise auch ihr verhalten danach aus.
liegt man da so gemütlich am eigenen lagerplatz mit den kollegen herum
und man hört jemand oder etwas kommen,
dann gibt es als erstes einen kurzen warnruf.

schließlich waren wesen, die sich ans lager der hunde heranschlichen
in der frühgeschichte ihrer hundwerdung selten freundlich gesonnen.
beutetiere hüteten sich davor, der hundegruppe zu nahe zu kommen.
und menschen mit vollen leckerli-beuteln waren auch noch keine unterwegs.

also war der störenfried eine potentielle gefahr.
der hund, der ihn als erstes bemerkt, bellt daher.
was gleich zwei bedeutungen hat:

achtung, da ist was und es könnte gefährlich werden!
und
achtung, ich brauch vielleicht gleich verstärkung!

wie es danach weitergeht, hängt vor allem von der reaktion der anderen ab.
befinden auch sie, dass sich hier ein gefährlicher eindringling meldet,
dann gibt es eine eskalation:
von allen seiten gebelle und große aufregung.
oft genug reicht das, ja, um störenfriede zu vertreiben.

finden die anderen (souveräneren und erfahreneren) gruppenmitglieder hingegen,
dass das nur ein harmloses geräusch war,
dann bleiben sie still, entspannen sich wieder und deeskalation setzte ein.
auch derjenige, der den alarm geschlagen hat,
hört gleich wieder auf zu bellen.
es kehrt wieder ruhe ein.

wie sieht das nun heute und beim leben in menschlichen behausungen aus?

wenn besuch kommt

nun, erstmal haben gar nicht mehr alle hunde die neigung zum warnbellen.
der mensch hat sich da ja züchterisch betätigt und das eine oder andere selektiert.
viele menschen würden auch den sprichwörtlichen einbrecher noch freundlich begrüßen
und ihm ihr spielzeug bringen.

andere fangen gar nicht von sich aus an zu bellen,
sondern orientieren sich in ihrer reaktion auf besuch an ihren menschen:
geht da alles sehr ruhig und leise ab, bleibt auch der hund still.
(doch wie oft geht begrüßen von besuchern schon still und leise ab!)

und dann gibt es natürlich immer noch jene exemplare,
die beim auftauchen eines störenfrieds alarm schlagen.

das entscheidende ist nun:
wie reagiert ihre soziale gruppe
und gibt es nun eskalation oder deeskalation?

nach dem warnruf hängt das weitere verhalten des hundes ja davon ab,
wie die anderen mitglieder seiner gruppe reagieren.

und das nun ist das dilemma:
begrüßungssituationen laufen in der regel aufgeregt ab.
bleibt der hund dann unruhig,
wird er außderdem noch mit aufmerksamkeit
(vom gut zureden bis schimpfen) unabsichtlich belohnt,
und schon gibt es zusätzlich zum anfänglichen alarmbeller
die konditionierte aufregung beim hund.

mehr dazu, wie das abläuft (und was man dagegen tun kann), könnt ihr noch kurze zeit in der videoaufzeichnung vom webinar „wenn besuch kommt- und der hund sich aufregt“, einfach hier anfordern (kostenlos):

weichen auf deeskalation stellen

das wichtigste ist daher, alles o ablaufen zu lassen,
dass spätestens (!) ab dem moment des ersten warnbellers
alle weichen auf „deeskalation“ stehen:
selber ruhig reagieren, statt schnell zur tür zu rennen.
besuch gemütlich und leise empfangen und langsam machen
(denn schnell heißt immer aufregend).
und vor allem: peinlich genau darauf achten, dass der hund nicht fürs verkehrte verhalten belohnt wird.

hat man schon mal das problem, dass der hund sich über besuch mächtig aufregt,
dann geht es nicht ganz ohne systematisches besuchertraining.
die anleitung dazu findet sich hier.

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.