wann deckentraining (keinen) sinn macht

deckentraining klingt auf den ersten blick bestechend:
man bringt dem hund einfach bei, auf ein signal auf seinen zugewiesenen platz (“decke”) zu gehen
und dort ruhig liegen zu bleiben.

kein herumgehampel mehr,
geduldiges warten, bis man mit dem üben weiter macht.
keine aufregung, wenn besuch kommt,
dem hund helfen zu ruhe zu kommen,
alle können sich entspannen.

soweit die theorie.
in der praxis sieht die sache anders aus und klappt oft nicht
oder bewirkt sogar das gegenteil.
aus gutem grund.

ursprünglich (so weit ich das jedenfalls nachverfolgt habe) kommt das deckentraining daher,
dass in manchen (positiven und an sich wunderbaren) trainingsansätzen im anglo-amerikanischen raum
das ruhige und geduldige warten auf das üben oder zwischen übungen über eine “stationing” aufgebaut wurde.
dem hund wurde also ein platz zugewiesen, auf dem er ruhig liegen sollte – oft eine box oder sogar ein leicht erhöhte plattform oder matte.
was eine gute sache ist, weil der hund dann eine klare anweisung hat, was er tun soll
und weil das (korrekter aufbau vorausgesetzt) tatsächlich dazu führt, dass der hund sich ruhig verhält.

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dann aber wurde das selbe rezept übernommen,
um hektische und unruhige hunde dazu zu bringen, dass sie mal ruhe geben.
und da schaut die sache schon etwas anders aus.

bei einem aufgeregten oder sehr energiegeladenen hund muss nämlich mehr beachtet werden.
(genaueres zum thema gibt es demnächst im webinar “der energiegeladene hund und wie man ihn mal ruhig bekommt”, zu dem du dich gleich hier anmelden kannst:

wann ist nun deckentraining sinnvoll und wann sollte man es lieber lassen?

deckentraining funktioniert, wenn…

es gibt drei anwendungsbereiche, wo deckentraining absolut sinn macht
und wo es auch das gewünschte ergebnis bringt.

1.  ruhiges warten 
soll ein hund lernen, dass er in bestimmten situationen ruhig warten soll,
dann kann deckentraining dabei hilfreich sein
(ist aber nicht zwingend notwendig dafür).

wir machen das alle (meist) ganz ohne decke, wenn das das hundefutter vorbereitet wird
und dazu der hund ruhig sitzen und warten soll.

das gleiche ruhige warten hätten wir vielleicht gerne,
– wenn wir uns für den täglichen spaziergang anziehen und der hund nicht zwischen den beinen rumwuseln soll
– wenn wir besucher an der tür begrüßen und der hund sie nicht stürmisch anspringen soll
– wenn in der küche was zu bruch gegangen ist und der hund fernab davon ruhig warten soll, bis alle scherben wieder weg sind
– wenn wir mit dem einen hund was üben und der andere währenddessen ruhig warten soll
– und in vielen anderen situationen.

für solche alltagssituationen macht das deckentraining absolut sinn.
vorausgesetzt der hund ist auch in der nervlichen verfassung, ruhig warten zu können
(dazu mehr weiter unten).

2. aufmerksamkeitsheischendes hampeln

deckentraining kann (betonung auf kann! siehe auch weiter unten) auch dann praktisch sein,
wenn wir einen hund haben, der gelernt hat,
sich aufmerksamkeit vom menschen zu holen, in dem er rumzappelt,
am menschen (bevorzugt besuchern) hochspringt,
gegenstände davonzerrt oder sonstige unerwünschte verhaltensweisen an den tag legt.

er kann nämlich genausogut lernen,
dass er die gewünschte aufmerksamkeit dafür bekommt,
dass er auf seine “decke” geht und sich dort ruhig verhält.

allerdings darf man ihn dann nicht einfach hinschicken
und danach ewig ignorieren (weil er ja nun nicht mehr stört),
denn dann erreicht er sein ziel – die aufmerksamkeit – ja eben nicht.

in diesem fall muss jedenfalls am anfang das ruhige verharren auf der decke öfter mal gelobt werden
(ohne den hund dabei aber wieder in anspannung oder unruhe zu versetzen),
und die belohnung darf nur sehr allmählich abgebaut werden.

achtung:  das ganze gilt aber nur, wenn es um reines aufmerksamkeitsheischendes verhalten geht
und nicht, wenn noch andere ursachen mitspielen – wie stress, unsicherheit gegenüber besuchern oder ähnliches.

3. mäßige aufregung

der häufigste grund fürs deckentraining (hierzulande jedenfalls) ist der,
dass man dem hund helfen will, zur ruhe zu kommen und sich zu entspannen,
wenn er’s grade selber nicht hinkriegt.

ist die aufregung nur mäßig,
weiß der hund nur grade nichts mit sich anzufangen,
dann klappt das in er regel auch ganz gut.

ist die aufregung aber zu viel
(und das sind oft genau die situationen, wo der mensch den hund auf die decke schicken will),
dann kann das ganze nach hinten los gehen.

deckentraining bringt nichts, wenn

deckentraining eignet sich nämlich bei weitem nicht für alle lebenslagen und ist kein allheilmittel.
schon gar nicht dann, wenn der hund wirklich hibbelig ist
und die stresshormone ihn umtreiben.

1.  gestresster hund

wenn der hund vor lauter stress nicht recht zur ruhe kommt –
und mit stress ist dabei chronischer stress gemeint –
dann ist deckentraining alleine (!) meist der falsche ansatz.

denn erstens muss eine klar sein, dass deckentraining zu einem guten teil nur am symptom ansetzt:
soll heißen, der hund zeigt unruhiges verhalten und wir schicken ihn auf die decke,
damit er ruhiges verhalten an den tag legt.
an der unruhe im hund oder gar an den ursachen vom chronischen stress ändert das herzlich wenig.

deckentraining kann in dem fall nur ein (kleiner) teil eines umfassenderen anti-stress-programms sein,
bei dem es vor allem darum gehen muss, den stress erst gar nicht mehr entstehen zu lassen.

zweitens fällt es dem gestressten hund physisch schwer,
eine ruheposition (mit oder ohne decke) einzunehmen.
die stresshormone sorgen ja dafür, dass der körper aktiviert wird
und dadurch ein bewegungsdrang entsteht.

würde man nun versuchen, den gestressten hund und seinen bewegungsdrang
einfach über “geh auf deine decke” in den griff zu bekommen (also in wirklichkeit über gehorsam),
dann ist das etwas zu wirkungsvoll,
wie auf den überkochenden topf noch schnell einen deckel zu knallen.

viele hunde bemühen sich dann zwar, das gewünschte ruhige liegen auszuführen,
es kostet sie aber so viel impulskontrolle oder ist so frustrierend, dass der innere druck noch weiter steigt.
umso mehr, als ja auch ein innerer konflikt entstehen kann zwischen
“ich will mich bewegen” und “ich soll mich nicht rühren”.

wenn man pech hat, macht ein falsch angewandtes deckentraining die sache nur noch schlimmer…

2. aufmerksamkeitsheischendes verhalten

das gilt übrigens auch dann, wenn es um aufmerksamkeitsheischends verhalten geht.

moment mal, hatten wir das nicht oben gerade unter den pro-argumenten?
schon, aber (wie vieles) hat die medaille zwei seiten.

denn was tun wir denn, wenn wir den hund auf die decke schicken
und der eine halbe minute wieder aufsteht und rumtigert?
genau: wir schicken ihn wieder zurück auf die decke,
vielleicht kriegt er sogar eine kleine belohnung dafür, dass er sich wieder hinlegt.

wir belohnen also das aufstehen und von der decke weggehen mit aufmerksamkeit
und schlaue hunde haben schnell raus:
wenn ich ein keksi will, dann muss ich erst aufstehen und rumlaufen, 
damit mein mensch mich auf die decke schickt, mir dann ein platz-signal gibt 
und mich schließlich fürs hinlegen belohnt.
(dann wart ich noch kurz, ob so wie am anfang im deckentraining ein weiteres keksi kommt,
und wenn nicht, steh ich wieder auf und fang das spiel von vorne an).

man muss also genau schauen, was da wirklich läuft!

3. trennungsstress

schließlich gibt es noch jene hunde, die (aus welchen gründen immer) extrem anhänglich sind
und die unmittelbare nähe des menschen suchen.
auf schritt und tritt sind sie hinterher
und legen sich freiwillig nur dort hin, wo ihr mensch direkt daneben ist.

natürlich kann das nerven.
natürlich kommt der hund selber damit auch kaum zur ruhe.
und klar ist man dann versucht, den hund doch auf seine decke zu schicken.

doch wenn der die nähe des menschen wirklich (noch) braucht, um sich sicher zu fühlen,
bringt man ihn damit in eine schwierige lage und verunsichert ihn womöglich noch weiter.
entspannung erreicht man so jedenfalls nicht.

 

fazit

deckentraining ist keine methode, die man unbedenklich für jede situation empfehlen kann.
man muss schon sehr genau schauen,
wann es dem hund wirklich hilft oder es es sogar braucht
und wann es sich kontraproduktiv auswirkt oder man ein tieferliegendes problem damit übertüncht.
wer wirkliche entspannung erreichen will, braucht in alle regel mehr.

was deckentraining übrigens nicht ist:
es ist keine disziplinierungsmaßnahme und schon gar nicht etwas,
wo wir den hund “zur strafe” in die ecke stellen,  weil er grade was “angestellt” hat oder einfach nervt.
das ist keinesfalls die intention im deckentrainig – und sollte sich daher auch nicht in die praxis oder unseren tonfall einschleichen,
wenn wir den hund auf die decke schicken.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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