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by brigid

Juni 3, 2018

tellington bodenarbeit

bei der tellington bodenarbeit handelt es sich um eine kombination von verschiedenen führtechniken und bodenhindernissen für den hund, die ihm helfen, sich besser wahrzunehmen, mehr im gleichgewicht zu bleiben und geschickter zu bewegen.

das klingt nun nicht grad nach etwas, was ein hund unbedingt braucht.
oder was einen in ner schwierigen lage „retten“ könnte, oder?

das kann sie aber!

weil der lernparcours, durch den dein hund dabei geführt wird, lernen auf mehreren ebenen auslöst.
mit „nebenwirkungen“, mit denen man oft gar nicht rechnen würde.

davon kann ich einiges erzählen, heute mal zwei recht extreme fälle.

bevor wir dazu kommen, aber noch ein tipp:
wenn du erst mal wissen magst, was die tellington-methode überhaupt ist und was es außer den bodenhindernissen gibt, dann hab ich hier ein video von einem vortrag von mir zu diesem thema.

tellington lernparcours

der lernparcours besteht bei der tellington bodenarbeit aus verschiedenen niedrigen hindernissen:
stangen zum drübersteigen, grade oder im kreis oder im zickzack angeordnet, pylonen zum umkreisen, wackelige untergründe und ähnliches.

das ziel dabei ist immer, dass der hund sich so langsam und bewusst durch diese hindernisse bewegt.
natürlich vom menschen geführt und zwar mit verschieden methoden, wie man dabei mit einer oder zwei leinen (und dann auch 2 personen) hantiert und den hund in seiner bewegungskoordination und seinem gleichgewicht unterstützt.

tellington bodenarbeit

klingt kompliziert?
muss es gar nicht sein.

manchmal reicht schon was ganz simples für einen durchschlagende wirkung.
wie das beispiel rover beweist.

meet rover

rover war ein junger, sehr kräftiger labrador-rüde in einem tierheim, dem ich während meines studiums in england eines tages gegenüberstand.
wir sollten nämlich als praktische übung alle in einem tierheim was mit einem hund tun, der uns ziemlich wahllos aus dem zwinger gefischt und in einen auslauf gebracht wurde, der für die rund 20 mensch-hund teams viel zu klein war.

gegenüberstehen ist eigentlich der falsche ausdruck.

auf mich kam ein wie eine dampflok keuchender hund zu, der vor lauter aufregung (und weil er’s vermutlich nicht anders kannte) wie ein verrückter an der leine zog. und das am halsband!

die leine samt immer fröhlich weiter zerrendem und keuchendem rover wurde mir in die hand gedrückt: und jetzt mach was mit ihm!

meine einzige sorge war eigentlich nur: wie verhindere ich bloß, dass sich rover in unserer halben stunde miteinander stranguliert!
an irgendwelche übungen war mit ihm in diesem zustand ohnehin nicht zu denken.

(wie klug es war, 20 hunde aus dem tierheim alle gleichzeitig in einen zu kleinen auslauf und zu ihnen fremden 20 menschen zu packen, schweige ich mich jetzt lieber mal aus).

also was tun?

ich hatte nur die leine und ein paar leckerli (die rover erst recht aufregend fand!) zur verfügung.
aber zum glück auch eine tellington-ausbildung bereits absolviert.

also flugs aus der leine eine balance-leine gebastelt.
(ok, so flugs war das mit dem hektischen rover nicht, elegant schon gar nicht).

bei der balance-leine behält  man ein ende der leine in der hand,  legt die leine diagonal über die brust des hundes und nimmt das andere ende der leine an der anderen seite des hundes wieder hoch und führt ihn dann damit.

das hat den vorteil, dass der druck vom hals des hundes völlig wegfällt.
wenn er sich in die leine stemmt (und glaubt mir, rover tat das mit inbrunst!) landet der druck auf seiner brust und gibt ihm eigentlich eine kleinen impuls nach hinten und in sein gleichgewicht.
als mensch kann man das noch unterstützen über die entsprechende führtechnik und damit (richtig gemacht) folgendes erreichen:

  • der hund wird langsamer
  • er ist besser im gleichgewicht
  • er wird dadurch ruhiger

und es klappte!

anfangs konnte ich mit rover damit grad 1 schritt machen und musste ihn gleich wieder anhalten (was mit der balance-leine ja gut geht).
dann immerhin 2 oder 3 schritte.
dann fing ich an, um imaginäre hindernisse (ich hatte ja keine realen) herum kurven oder kreise zu gehen.
immer alles schön langsam und schritt für schritt.

und siehe da!
rover hörte auf, wie ein verrückter zu zerren.
er fing an, seine umgebung überhaupt mal wahrzunehmen.
er fing an, auf mich zu reagieren.
und schließlich tat er einen tiefen seufzer!

als würde eine last von ihm abfallen und es ihm nun besser gehen.
und alles grad mal mit ein bisschen balance-leine und ein paar kurven.

ich weiß nicht, was aus rover wurde.
ich hoffe, er hat bald ein schönes neues zuhause gefunden.
aber wenigstens hat er eine halbe stunde gehabt, in der es ohne zerren, ohne schmerzen am hals abging.
und in der er ein wenig entdeckt hatte, wie es ist, sich gut zu spüren.

pablo und die tellington bodenarbeit

ein ganz anderes kaliber war pablo.
ein galgo-rüde aus dem tierschutz, bei dem leinezerren kein thema war.

außer es tauchte ein anderer hund nur in sichtweite auf!
dann fing der bursche an, völlig hysterisch um sich zu schnappen und zu bellen und biß dabei anfangs seine menschen grün und blau.
nicht, weil er sie beißen wollte, sondern weil er völlig kippte und gar nicht mehr recht wusste, was er grad tat.

er hatte das riesenglück, bei zwei wunderbaren menschen gelandet zu sein.
und zu dem zeitpunkt, als ich ihn kennenlernte, hatten sie auch schon große fortschritte mit ihm erreicht.

aber über einen bestimmten punkt schien pablo nicht hinauszukommen.
war ein anderer hund näher als 100 meter oder so (und kein windhund),
dann war es so, als würde sich ein schalter in seinem kopf umlegen
und er reagierte nur noch hysterisch kläffend, biss in die leine (immerhin nicht mehr in seine menschen), kreiselte oder warf sich in die leine und war völlig unansprechbar.

bei pablo ergänzten wir das training, das seine menschen mit ihm schon angefangen hatten (ausweichen, ruhe bewahren, ruhiges verhalten belohnen…) um die tellington bodenarbeit.

wir schöpften dabei aus dem vollen
(schließlich war ich inzwischen in meiner eigenen hundeschule und nicht mehr ohne irgendwas in einem englischen tierheim):

wir verwendeten die balance-leine,
wir nutzten die verschiedensten bodenhindernisse, wobei vor allem das labyrinth pablo wirklich half.
wir ergänzten das ganze um körperbandagen und tellington körperarbeit.

und meine supercoole assistenzhündin maluna tat das ihre dazu.

und siehe da: es dauerte gar nicht so lange und pablo konnte ruhig durchs labyrinth gehen, während maluna in 4 – 5 meter abstand darum herum ging.  ja, wir konnten die beiden nach einer weile sogar frei miteinander laufen lassen!

pablo hatte einfach einen weg gebraucht, bei klarem kopf zu bleiben statt in blinde hysterie zu verfallen.
die tellington-bodenarbeit hat ihm das ermöglicht und dadurch war ihm dann erst möglich, zu verarbeiten, was er erlebte – und dass es ja gar nichts schlimmes war, ganz im gegenteil!

so ein bisschen durch ein paar hindernisse gehen an einer komisch gehaltenen leine hat es also durchaus in sich!

das tolle: es ist so leicht nachzumachen!
du kannst das zum beispiel mit dem kurs „hund in balance“ gleich alles bei deinem hund ausprobieren.

 

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.