schilddrüsenprobleme beim hund: woran du sie erkennst und was du tun kannst

schilddrüsenprobleme beim hund sind häufiger, als man meinen sollte, und bleiben oft lange zeit unbemerkt!

das hat seine gründe:
erstens wird die schilddrüse nicht routinemäßig untersucht, wenn es keinen anlass gibt.
zweitens setzt eine schilddrüsenunterfunktion häufig schleichend ein und fällt dadurch weniger auf.
und drittens sind die symptome einer schilddrüsenunterfunktion welche, die sowohl medizinisch als auch vom verhalten her sehr diffus sind und in einer ganzen reihe anderer probleme genauso auftreten können.

im wesentlichen handelt es sich bei den schilddrüsenproblemen um eine unterfunktion der schilddrüse, eine überfunktion ist so selten, dass sie hier nicht thema ist.

auf die medizinischen aspekte der schilddrüsenerkrankung werde ich hier nicht eingehen, schließlich bin ich keine tiermedizinerin.

was ich aber weiss:

  • eine englische studie an hunden mit verhaltensproblemen hat schon vor einiger zeit mal festgestellt, dass ein drittel (1) der betroffenen hunde an einer unerkannten unterfunktion der schilddrüse litt.
  • in meiner verhaltens-praxis scheinen die fälle von schilddrüsenunterfunktion zuzunehmen (das ist nicht unbedingt repräsentativ, aber immerhin auffällig)
  • viele fakten rund um die schilddrüse sind zuwenig bekannt.
    (selbst tierärzte erkennen typische verhaltensaspekte einer schilddrüsenerkrankung nicht unbedingt).

drum hab ich hier mal ein paar wichtige eckdaten für dich zusammengestellt.
wenn du bei deinem hund einen verdacht hast, es könnte eine schilddrüsenunterfunktion vorliegen, dann such bitte unbedingt einen darauf spezialisierten tierarzt auf!

1. blutbild oder schilddrüsenprofil

wenn du bei deinem hund ein großes blutbild machen lässt, dann wird die schilddrüse dabei nicht automatisch mit untersucht! das musst du extra in auftrag geben (und zusätzlich zahlen).

ein vollständiges schilddrüsenprofil umfasst folgende werte:

    • TSH (ein hormon, das auf „anweisung“ der hypophyse produziert wird und die ausschüttung der beiden stoffwechselhormone T3 und T4 veranlasst)
    • T3 (wird von der schilddrüse produziert und regt gemeinsam mit T4 den stoffwechsel an), zum größten teil kommt es im blut an eiweiße gebunden vor, daher spricht man von der „gebundenen“ form von T3
    • fT3, das frei im blut vorkommende und nicht an eiweiße gebundene T3
    • T4 (wird von der schilddrüse produziert, es ist ein vorläufer von T3  und regt gemeinsam mit T3 den stoffwechsel an), es kommt ebenfalls an eiweiße im blut gebunden vor

fT4, das frei im blut vorkommende und nicht an eiweiße gebundene T3

eine „simple“ schilddrüsenunterfunktion lässt sich zwar auch an einem erhöhten TSH wert und einem zu niedrigen T3 wert erkennen, aber bei weitem nicht alle formen der schilddrüsenerkrankungen sind damit erfassbar. für ein umfassendes und aussagekräftiges schilddrüsenprofil braucht man daher alle werte.

2. die schilddrüsen-werte

das große problem ist, dass es keine allgemein gültigen werte gibt!

was verwendet wird, sind „referenzwerte“.

das sind werte, die aus dem durchschnitt der im labor gesamt untersuchten blutproben ermittelt werden. das ergibt dann einen als normal eingestuften bereich (mit unterm drittel, mittelfeld und oberem drittel) und abweichungen nach unten oder oben, die eine unterfunktion oder eine überfunktion der schilddrüse anzeigen.

im allgemeinen funktioniert das zwar recht gut, ist aber naturgemäß unpräzise und kann auf den einen hund mehr zutreffen als auf den anderen.

nochdazu variieren die werte von labor zu labor, weil ihr durchschnittswert ja abhängt von der gruppe der hunde, die dort untersucht werden.

rein theoretisch könnten durch einen zufall in labor A hauptsächlich blutproben von unterfunktions-hunden einlangen  und in labor B hauptsächlich blutproben von gesunden oder sogar überfunktions-hunden. das hätte zur folge, dass ein wert in labor A als völlig normal und in labor B bereits als deutlich erniedrigt eingestuft würde.

in der praxis ist das natürlich nicht ganz so krass, aber vorsicht ist trotzdem geboten!

3. das „typische“ verhalten

da die schilddrüse ja (u.a.) den stoffwechsel regulieren hilft und ihn ankurbelt, gelten eher träge, etwas langsame und leicht übergewichtige hunde als „typische“ ausdrucksform einer unterfunktion der schilddrüse.

das stimmt nur so leider nicht!

es gibt viele etwas träge und übergewichtige hunde, deren schilddrüse völlig in ordnung ist.
es gibt die typischen, trägen, etwas übergewichtigen hunde mit schilddrüsenerkrankung.
es gibt sehr ruhige, völlig schlanke hunde mit (und ohne)  schilddrüsenunterfunktion.
es gibt aber auch die nervösen, hibbeligen, schlanken hunde mit schilddrüsenunterfunktion!
….

meiner erfahrung nach kann man grob zwei verhaltens-typen unterscheiden:

a) der abwehrbereite
hunde mit schilddrüsenunterfunktion lassen sich häufig nur ungern berühren, schon gar nicht von fremden
menschen. unter stress oder bei (subjektiv wahrgenommener) bedrängung werden sie gern ein wenig steif und sind eher schneller bereit, mal zuzuschnappen.  sie können manchmal etwas zurückgenommen oder verhalten wirken (das herkömmliche „träge“), sind das oft aber auch nicht.

achtung: die geschilderten verhaltensweisen können auch ganz andere ursachen haben, die nichts mit der schilddrüse zu tun haben! die verhaltensbeobachtung alleine lässt keine diagnose zu!

b) der nervöse
der nervöse typ entspricht so ganz und gar nicht dem, wie man sich einen hund mit schilddrüsenunterfunktion vorstellt. er ist ganz das gegenteil: sehr leicht gestresst, nervös, hibbelig und unruhig. meist sind diese hunde zuhause völlig ruhig und ok, draußen aber von allem sofort überfordert und stark gestresst – selbst wenn man seit monaten an stressabbau und -management arbeitet. es gibt damit keine wirklichen fortschritte oder es wird sogar schlimmer.

achtung: das selbe verhalten zeigen natürlich auch hunde, die einfach nur eine hohe stressbelastung haben oder eher ängstlich und hibbelig sind. das verhalten alleine ist noch kein schlüssiger hinweis auf eine fehlfunktion der schilddrüse!

tja, und dann gibt es leide noch so ziemlich alles dazwischen…

4. was tun?

wenn du einen hund hast,

  • auf den die oben geschilderten verhaltensweisen zutreffen
  • bei dem ein (vernünftiges!) verhaltenstraining zu keinen oder nur marginalen fortschritten führt
  • bei dem es womöglich jahreszeitliche schwankungen im verhalten gibt (nicht mit testosteron/läufigkeit im zusammenhang stehend)
  • bei dem sich das verhalten womöglich schleichend verschlechtert hat

dann würde ich jedenfalls zur erhebung der schilddrüsenwerte raten.

(ich erhebe die gern sogar noch früher, wenn der verdacht aufgrund der verhaltensweisen recht naheliegend ist, damit man sich nicht lange mit trainingsmaßnahmen plagt, wo eine medizinische betreuung notwendig wäre).

wenn die schilddrüsenwerte dann „im unteren drittel“ oder „an der unteren grenze“ liegen, dann würde ich das nicht als „eh alles in ordnung“ einstufen, wie es manchmal vom tierarzt getan wird – der ja das verhalten deines hundes nicht mitbeurteilen kann, weil er es nicht tagtäglich erlebt.

  • ich würde die schilddrüse dann zumindest im auge behalten und nach 3 – 6 monaten wieder kontrollieren lassen.
  • ich selber würde vermutlich einen schilddrüsen-spezialisten aufsuchen, der auch die verhaltens-aspekte in seine diagnose mit einbeziehen kann und mich beraten lassen, evtl. auch über alternativ-medizinische möglichkeiten einer behandlung, bevor mit einer hormongabe begonnen wird.
  • ich würde in jedem fall das buch „schilddrüse und verhalten: schilddrüsenunterfunktion beim hund“ von beate zimmermann lesen, damit ich mich kompetent mit dem tierarzt unterhalten kann.

natürlich immer vorausgesetzt, du hast mögliche aggressionsprobleme gegen menschen oder andere hunde, angstthemen oder stressbelastung deines hundes über vernünftiges und positives training schon angegangen!
nimm schilddrüsenprobleme jedenfalls nicht auf die leichte schulter.

sie beeinträchtigen langfristig die gesundheit deines hundes und sie kosten enorme lebensqualität!
dem hund und damit auch dir.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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