hundeerziehung nach dem prinzip kekse oder kontakt?

neulich sagt mir doch jemand, er möchte den hund lieber über kontakt und beziehung erziehen statt über kekse.
manchmal sagt wer auch:
über energie.
über natürliche autorität.

leckerchen werden abgelehnt, aus verschiedenen gründen.
sie wären bestechung oder manipulation,
es müsse auch ohne futterbelohnung funktionieren.
die widerspräche nämlich der “natürlichen” hundeerziehung.

letzteres finde ich besonders spannend: schließlich sind die lernregeln dem hund angeboren und somit “natürlich”.
deswegen funktioniert belohnung ja überhaupt erst.

überhaupt ist die fragestellung einigermaßen merkwürdig.
man kann einen hund gar nicht ohne beziehung erziehen,
eine beziehung ist immer da – mit und ohne leckerchen.

online hundeschule

 

beziehung ersetzt keine erziehung. und umgekehrt.

eine beziehung ersetzt aber noch lange nicht die erziehung.
das sind zwei paar schuhe.
auch wenn sie oft verwechselt werden.

was es braucht sind zwei dinge:
eine vernünftige, auf positiver motivation aufgebaute erziehung.
und eine gute, auf respekt und freundlichem umgang aufgebaute beziehung.

für beide muss man was tun:
bei der erziehung ist uns das klar.
beziehungspflege braucht es aber genauso
(wenn du da was machen magst, schau dir doch mal “bindung vertiefen” an).

wenn man sich die erziehung leicht machen will, investiert man in die beziehung:
in vertrauen, das einem der hund entgegenbringt.
in seine bereitschaft, sich am menschen zu orientieren.
in die freude an der zusammenarbeit und dem gemeinsamen lernen.

das sind wichtige grundlagen, sie alleine reichen aber nicht.
ihr könnt noch so eine wunderbare beziehung haben, das macht noch lange keinen gut erzogenen hund.
du kannst auch einen bestens erzogenen hund haben und die beziehung zwischen euch ist trotzdem eher mäh…

auf die erziehungsmethode kommt es nämlich an.
und da ist positive bestärkung unbestritten die methode der wahl,
weil sie einerseits die besten lernerfolge bringt und zweitens gut für die beziehung ist.
also ja zu leckerchen (und anderen formen der belohnung).

wer sich erwartet, der hund möge rein aus liebe zu seinem menschen
– nicht an der leine ziehen
– das jagen bleiben lassen
– jederzeit prompt ausführen, was man ihm sagt, auch unter stärkster ablenkung,
der möge bitte eine frage beantworten: warum sollte er?
er kann dich ja einfach so lieben.

so wie ein kind seine eltern noch so lieben kann und deswegen nicht automatisch gute noten in der schule hat.

die “natürliche” hundeerziehung

also ja zur erziehung.
ja zur belohnung.

aber müssen das leckerchen sein?
das sei nicht “natürlich”, sagen manche.

ein besonders spannendes argument, finde ich.
welchen naturzustand des hundes möchte man denn da heranziehen?
hunde sind schließlich in einer co-evolution mit dem menschen entstanden und auf das zusammenleben mit ihm spezialisiert.

aber sagen wir mal, wir nehmen freilebende hunde irgendeiner streuner population als vorbild.
was deren natürliches verhalten ist, lässt sich gar nicht eindeutig sagen.
denn gerade das sozialverhalten ist stark von den lebensumständen abhängig,
wie ray coppinger nachgewiesen hat (nachzulesen in seinem buch “hunde”):

gibt es hochwertige futterressourcen an einer stelle, entsteht eine hierarchische sozialordnung mit häufigeren konflikten.
gibt es weniger hochwertige futterressourcen verstreut in einem größeren gebiet, entsteht eine “egalitäre” sozialordnung mit wenig konflikten.

wir können also nicht einfach nachschauen, was der “boss” der hundegruppe so tut, und es ihm nachmachen.
schon gar nicht können wir leckerchen als erziehungshilfe verteufeln, weil hunde sich gegenseitig auch keine zustecken würden.

darf ich drauf hinweisen, dass wir in der hundeerziehung völlig andere aufgaben zu bewältigen haben als die freilebenden hunde irgendwo?
sagen wir mal so:

solange mir niemand zeigt, wie der rudelchef am griechischen strand oder im russischen dorf seine artgenossen ganz “natürlich” dazu erzieht
– an der leine mit ihm rumzulaufen ohne zu ziehen
– essbares liegen zu lassen und ans jagen erst gar nicht zu denken
– oder jederzeit auf einen wuff von ihm alles liegen und stehen zu lassen und angelaufen zu kommen,
solange werde ich an diesem vermeintlichen rudelchef garantiert nicht orientieren.

schon gar nicht, wenn nicht klar ist, ob der typ ein tyrann, ein sozial souveräner hund oder nur der lauteste typ in der gruppe ist.

es geht ja auch niemand zum autofahren lernen zum pferdekutscher, nur weil das die “natürliche” form der mobilität ist.

also keine scheu vor futterbelohnung, das ist eine vollkommen natürliche form der belohnung,
schließlich lernt jeder hund am schnellsten über erfolg
und auch freilebende hunde sind extrem futtermotiviert.

die sehnsucht nach nähe

warum kommen also erziehungsmethoden “ohne leckerchen” bei vielen so gut an?
obwohl kurzes nachdenken reicht, um zu sehen, dass die argumente nicht stichhaltig sind?

da gibt es zwei motive.
eins lässt sich ganz kurz fassen:
es gibt immer noch genug menschen, die den hund über druck, einschüchterung und “dominanz” erziehen wollen.
da aber das wort dominanz in verruf gekommen ist und man weiß, dass das mit der rangordnung bei wölfen und freilebendne hunden völlig anders funktioniert, heißt es nun eben “energie” oder “kontakt”.
kann man einfach vergessen.

da sind dann aber noch viele menschen, die jetzt nicht unbedingt den alpha-wolf raushängen lassen wollen,
was ist mit denen?
die wünschen sich etwas, was ich auch möchte:
eine innige verbindung zum hund,
fast schon wortloses verstehen,
einen seelenpartner an ihrer seite.

das braucht zeit, respekt, verständnis und die pflege der beziehung.
und verträgt ganz viele leckerchen :-).

 

 

 

 

 

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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