empathie in der hundeerziehung

empathie beschreibt “die bereitschaft und die fähigkeit einer person, sich in die lage, einstellung und emotionale befindlichkeit einer anderen person einzufühlen“.

man beachte dabei, dass es um zwei verschiedene dinge geht: nämlich einerseits umd die fähigkeit, andererseits aber auch um die bereitschaft, das zu tun.

ob hunde empathie empfinden können, war lange zeit unklar.
wir hundemenschen hätten vermutlich alle gleich gesagt: natürlich.
alle, die hunde als therapie- oder assistenzhunde im einsatz kennen, würden das vermutlich ebenso deutlich bejahen.

der wissenschaftliche nachweis wurde allerdings erst in den letzten jahren erbracht.
hunde sind übrigens nicht nur zur empathie befähigt, sie können auch ungerechtigkeit als solche erkennen und darauf reagieren.
dazu gibt es ein paar spannende forschungsergebnisse auch von der uni wien (falls jemand recherchieren mag).

unsere hunde sind also in der lage, sich in unsere emotionale befindlichkeit einzufühlen.
sie bringen außerdem eine hohe bereitschaft mit, das auch tatsächlich zu tun.
ich frage mich ja sogar, ob sie überhaupt anders können, als empathisch auf unsereins zu reagieren!

nun ist die frage: wie sieht es eigentlich andersrum aus?
wie steht es um die fähigkeit und die bereitschaft von uns menschen, unseren hunden mit empathie zu begegnen?

online hundeschule

ich hab neulich anlässlich des 5-jahre-jubiläums die fünf meistgelesenen artikel aus diesem blog in einer kleinen broschüre zusammengefasst. (du kannst die broschüre “best of blog” übrigens hier kostenlos bestellen).
zu meiner überraschung waren das keine themen, die mir oft in beratungsgesprächen begegnen oder die in trainingsstunden nachgefragt werden – also nichts was etwa das hochspringen am menschen (und wie man es verhindert) angeht oder tipps für einen verlässlichen rückruf oder ähnliches.

nein, es handelte sich durch die bank um themen, bei denen empathie eine große rolle spielt.
daher wollen wir das thema doch mal genauer beleuchten.

wenn’s ums einfühlen in den hund geht, werden nämlich gern drei begriffe miteinander verwechselt:

1. mitleid

so ein armes hündchen in einem verwahrlosten zwinger irgendwo in einer auffangstation rührt uns ans herz.
es tut uns leid, dass es in solch miserablen umständen leben muss.

es muss auch gar nichts so dramatisches sein:
wenn unser hund sich weh tut oder er krank ist, geht uns das genauso nahe und wir empfinden mitleid.

mitleid ist aber etwas anderes als mitfühlen.
es ist unser eigener schmerz, den wir fühlen, wenn wir einen hund sehen, der in unseren augen leidet.
es ist also erstens eine schmerzempfindung – mitleid erlaubt uns nicht, an der freude von jemand anderem teilzuhaben.
und zweitens ist es unser eigenes emotionales erleben, das nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, wie es dem hund wirklich geht.

vielleicht finden wir, dass der streunerhund am mittelmeer-strand ein armer teufel ist.
schließlich hat er kein zuhause, kein warmes bettchen, kein umsorgt werden durch seinen eigenen menschen.
aber stimmt das auch wirklich?
wir wissen oft nicht, ob der vermeintliche streuner nicht abens in sein zuhause zurückkehrt,
oder ob ihm nicht regelmäßig futter hingestellt wird.
ob er nicht seine freiheit viel mehr genießt als das umsorgt werden.

das soll nicht heißen, dass ein streunerhund jedenfalls ein glückliches leben führt!
(ein lob an dieser stelle an alle tollen engagierten projekte für streunerhunde).
es soll nur heißen, dass unser mitleid nicht immer was darüber aussagt, ob der andere (in diesem fall der hund) tatsächlich leidet.

in der hundeerziehung ist mitleid jedenfalls verkehrt am platz.
(also: in der eigenen positiven hundeerziehung.
hunde, die nach alter methode mit druck und strafe erzogen werden, können einem zurecht nur leid tun!)

es führt nämlich entweder dazu, dass man den hund wenig oder jedenfalls wenig konsequent erzieht,
weil man “von dem armen kerl” das doch gar nicht verlangen kann  –
während der “arme kerl” oft recht schnell raus hat, dass er nur extra arm schauen muss, um ein gratis keksi abstauben zu können.

oder aber man wird der entwicklung des hundes nicht gerecht,
weil man auf ewig im bild hängen bleibt, dass das ja so ein armer hund ist,
weil er am anfang völlig verschüchtert, sehr krank, super ängstlich, etc. war.
der hund hat sich oft schon toll entwickelt.
aber man traut ihm gar nicht viel zu (und gibt ihm daher auch wenig entwicklungschancen), weil das alte mitleid einen blockiert.

 

2. vermenschlichung

dass man tiere nur bloß nicht vermenschlichen soll, wurde lange zeit extrem betont.
sowohl in der wissenschaft als auch in der hundeerziehung.

ein kleiner teil davon ist auch tatsächlich abzulehnen und hilft dem hund nicht.
viele aspekte allerdings helfen uns, den hund besser zu verstehen.
schließlich haben grad die forschungsergebnisse aus den letzten 10 jahren gezeigt,
dass uns hunde viel ähnlicher sind, als wir dachten:

sie haben kognitive fähigkeiten, die in manchen punkten denen des menschen ähneln.
sie haben ein ausgeprägtes repertoire an sozialen verhaltensweisen, die das zusammenleben in der gruppe erleichtern.
sie sind hochsensibel und teilen einen großteil der emotionen, die auch wir menschen haben.

wir sollten die ähnlichkeiten zwischen hund und mensch ruhig anerkennen und uns zunutze machen!
was wir nicht tun sollten, ist dem hund direkt menschliches verhalten zu unterstellen:

auch wenn der hund noch so “schuldig” schaut, hat er kein schlechtes gewissen, weil er vor ein paar stunden deine lieblingsschuhe zerkaut hat.
er pinkelt dir auch nicht aus “protest” ins zimmer, weil du es gewagt hast, ohne ihn weg zu gehen.
und schon gar nicht will er dir eins auswischen, wenn er beim spazierengehen abhaut oder sich in was stinkigem wälzt.

der hund hat seine eigenen motive für dieses verhalten,
und wer sich ein bisschen mit hunden beschäftigt hat und weiß, wie sie lernen,
kann das auch ganz einfach zuordnen. ohne jede verkehrte vermenschlichung.

im übrigen kann er auch sofort auf die andere form von vermenschlichung verzichten:
die selbe haarfarbe wie frauchen oder schwere nietenhalsbänder für herrchens ego sind das letzte, was er braucht.

 

3. empathie

das mitgefühl, also die empathie, unterscheidet sich vom mitleid in einem zentralen punkt:
es geht um die gefühle des anderen (nicht die eigenen).
es geht darum, sich in den hund hineinzuversetzen und die dinge aus seiner warte wahrnehmen und verstehen wollen.

das ist etwas, das im zusammenleben und bei der erziehung des hundes gold wert ist.
wer sich in seinen hund hineinversetzen kann, weiß ganz gut, was grade geht und was nicht.
wer sich in ihn einfühlt, wird weniger rasch frustiert auf sein verhalten reagieren.
weil man ja versteht, warum er etwas macht oder eben grad nicht machen kann.

damit das funktioniert, braucht es natürlich einiges an wissen über hunde.
über ihr ausdrucksverhalten, wie sie lernen, welche motivationen sie antreiben.
den wirklichen unterschied macht dann aber das einfühlen aus.

wenn wir dazu bereit sind.
fähig sind wir menschen allemal, schließlich sind wir empathiebegabte wesen.
(ein paar pathologisch gestörte exemplare mal ausgenommen).
aber sind wir willens, dem hund mit empahtie zu begegnen?

nämlich nicht nur denn, wenn wir grad gut drauf sind oder einen weichen moment haben.
sondern durchgehen?
auch dann, wenn wir uns ärgern;
wenn wir mit dem hund grad was üben (und er spielt nicht recht mit);
wenn wir müde sind und finden, jetzt könnten sich mal die anderen um unsere bedürfnisse kümmern?

das gelingt einem das eine mal besser, als das andere mal.
je mehr wir uns darin üben, desto besser wird es allerdings.
nicht nur mit unserer bereitschaft zur empathie.
auch mit der geglückten beziehung zwischen unserem und uns selber.
und das lohnt sich allemal!

 

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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