das kreuz mit der flexi-leine: pro und kontra auszieh-leine

die dinger sind ja so was von praktisch! da ist der hund an der leine und kann sich trotzdem in einem großen radius bewegen und vor- und zurücklaufen. und das ganze ohne, dass sich dauernd eine schleppleine verheddert oder den mensch die ganze zeit am sortieren und fummeln sein muss. läuft der hund zu weit weg, reicht ein knopfdruck – schon steht er!   wunderbar, oder?

(natürlich  nicht, sonst würd ich diesen blog-beitrag ja nicht schreiben :-).)

für den menschen bringt die ausziehbare leine auf den ersten blick nur vorteile: die hände bleiben halbwegs frei (wenn man mal das große plastikteil, das man rumtragen muss, außer acht lässt). der hund bleibt unter kontrolle. und die kleineren exemplare kann man an der flexi sogar “einholen” wie den fisch an der angel und so wieder neben sich kriegen.  und der hund hat’s doch auch besser, als wenn er die ganze zeit an der kurzen leine hängen müsste und sich an der durch die gegend zerrt.

auf der pro seite steht also:

  1. pro:  mehr bewegungsfreiheit für den hund als an der kurzen leine
  2. pro:  mehr bequemlichkeit für den menschen

wenn man’s streng nimmt, gibt es zu punkt 1 natürlich jederzeit eine alternative: eine ganz normale schleppleine. die gibt dem hund genauso viel bewegungsfreiheit. bleibt also eigentlich nur ein einziges pro-argument über

pro: mehr bequemlichkeit für den menschen
und selbst das ist ein trugschluß!

denn da gibt es die contra-argumente, und jedes einzelne von denen geht zu lasten der menschlichen bequemlichkeit – und zu lasten der gesundheit des hundes!

was gegen die auszieh-leine spricht

hier sind die contras:

1. contra:  leineziehen
an der ausziehleine MUSS der hund an der leine ziehen. das teil heißt ja nicht umsonst auszieh-leine! der hund kommt ohne ziehen an der leine keinen schritt weiter. was er daher lernt: an der leine muss man ziehen. das macht er dann auch. konsequent.  an jeder leine.
da kann man sich jedes andere leinen-training eigentlich sparen! wie soll der hund auch lernen, dass er die leine locker lassen soll – auch noch von sich aus und als “normalzustand” – wenn er die meiste zeit genau das gegenteil übt.
wie bequem ist das denn, wenn man einen hund hat, der dauernd an der leine zieht und das laufend übt?
(wenn deiner erst noch etwas leinen-training braucht oder du jetzt die flexi weglassen und das laufen an lockerer leine angehen magst, dann sind vielleicht die online-leinenkurse was für dich).

 

2. contra:  anspannung
durch das dauernde ziehen an der leine und den auszieh-mechanismus ist natürlich auch dauernd spannung auf der leine. der hund braucht körperspannung, um sich dagegenzustemmen, und die erhöhte körperspannung kann nicht nur mit der zeit muskelverspannungen bringen, sondern erhöht vor allem auch emotional die spannung im hund. das macht gelassene begegnungen unterwegs nicht leichter! bei hunden, die sich über andere hunde, jogger, radfahrer oder ähnliches sowieso leicht aufregen, ist die zusätzliche spannung an der leine blankes gift. die grundregel für schwierige begegnungen ist ja grade “ausatmen und leine locker halten”, das geht aber an der flexi gar nicht! (ausatmen natürlich schon, es ändert nur an der leine nichts).
fazit: der hund geht schneller mal los und springt in die leine.  ist das sehr bequem für den menschen (oder den hund)?

 

3. contra: rückenschmerzen

permanentes ziehen und die abrupten stopps, wenn der mensch auf den knopf drückt und die bremse reinhaut (und jetzt erzähl mir mal keiner, dass er die stopptaste nimmer und nie nicht drücken würde, die drückt der daumen im reflex schneller als der kopf beschließen kann, es absichtlich nicht zu tun!) – das gibt jedes mal einen ordentlichen schlag auf die wirbelsäule. besonders schlimm, wenn der hund mit der flexi auch noch am halsband geführt wird und nicht an einem brustgeschirr. dort kommt die wirkung noch härter an, und je länger die leine grade ist, desto mehr kraft hat dieser “schlag”, den der hund abbekommt. die folge: schäden an der halswirbelsäule bzw. der ganzen wirbelsäule, rückenschmerzen und probleme im bewegungsapparat. die sind nur oft nicht sofort erkennbar (außer der hund wird regelmäßig osteopathisch durchgecheckt), sondern erst im lauf der zeit, wenn es wirklich schlimm wird.

wie bequem ist das nun, wenn man einen hund mit rückenschmerzen hat, der dann vielleicht nicht mehr gut treppensteigen oder ins auto einsteigen kann und laufende therapien braucht?

 

4. contra: gefahrenpotential

es gibt üble berichte, was passiert, wenn einem die auszieh-leine runterfällt, der hund sich vor dem großen plastikteil hinter sich erschrickt, wegrennt und dann eben dieses große plastikteil poltern und scheppernd hinter dem hund her jagt! das ganze dann noch neben einer stark befahrenen straße oder an einem sowieso ängstlichen hund und die horror-szenarien sind perfekt! und jetzt sage bitte keiner “mir kann das nicht passieren!”. das kann jedem passieren!

wie bequem ist es denn, wenn man dauernd sorge haben muss, dass der hund in panik davon rennt, weil einem die leine aus der hand gerutscht ist?

 

5. contra: verletzungsgefahr

mit jeder anderen leine kann man sich, wenn’s grad dumm hergeht, auch verbrennungen oder fingerverletzungen zuziehen. aber keine macht so üble verletzungen, wie die auszieh-leine! insbesondere, die mit der  dünnen schnur. da gibt es böse verbrennungen an unterarmen und waden, vor allem, wenn der hund vollgas gibt und man grade mit irgendeinem körperteil verheddert in der leine hängt. und im unterschied zu anderen leinen, gibt es bei der ausziehleine die verletzungen häufig auch beim hund! meist bei einem, der diese dünne leine am anderen hund einfach nicht gesehen hat und reinrennt oder sie irgendwie drin hängen bleibt.

wie bequem ist das denn nun, wenn man verletzungen an sich, am eigenen oder am anderen hund in kauf nehmen muss?

 

 

6. contra: mangelnde kontrolle

meine einzige verletzung durch einen hund (ein winziges pünktchen am finger von einem yorkie-zahn) entstand, als ich einen verängstigten yorkie aus seiner eigenen verhedderten flexi-leine retten musste, an der er erst unter einen irischen wolfshund gelaufen war und dann in seiner flucht irgendwie auf dem wolfshund gelandet war, wo er dann an der festgezurrten flexi hing, bis ich ihn ableinen konnte.  nur eins von zahllosen beispielen, wo hundebegegnungen durch die flexi völlig aus dem ruder liefen.
wie bequem ist es letzten endes, wenn man den hund trotz leine kaum unter kontrolle hat und hundebegegnungen heikel verlaufen (oder man jogger oder radfahrer zu sturz bringt)?

 

die ausziehleine gaukelt einem eine kontrolle über den hund vor, die man gar nicht hat.  auch an der schleppleine ist die kontrolle natürlich erschwert, wenn der hund weiter weg ist. aber an der schleppleine ist es einem bewusst und die menschen führen die hunde wesentlich umsichtiger. und großer unterschied: auf die schleppleine kann ich schnell mit dem fuß drauf steigen oder noch reingreifen. versucht das mal an der flexi! und dann ließ weiter bei punkt 5.

die auszieh-leine bringt also nur eine momentane und kurzfristige bequemlichkeit. ingsgesamt und langfristig stellt sie sich als extrem belastend und unbequem heraus! also bitte finger weg davon!

der umstieg auf die normale schleppleine ist viel einfacher als er einem vielleicht vorkommt: einfach ausprobieren, die schlaufe am ende festhalten, den hund laufen lassen und den rest der leine auf dem boden schleppen lassen (drum heißt sie ja schleppleine).  mit dem hund kommunizieren, als wär er im freilauf – die leine soll ja nur eine sicherung sein, kein zwangsmittel :-).  das ist unterm strich viel bequemer und viel entspannter für hund und mensch!

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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