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by brigid

November 8, 2020

dass beschwichtungssignale vom hund zum wichtigsten teil der hundesprache gehören, hat sich zum glück schon herumgesprochen.
zumindest in der theorie.
in der praxis werden unglaublich viele beschwichtigungssignale – vor allem die kleineren und feineren – noch übersehen.

mindestens genauso oft werden beschwichtigungssignale falsch eingeordnet,
gerade von engagierten hundemenschen, die gern alles richtig machen wollen mit dem hund.
und sich dann schnell mal denken „um gottes willen, mein hund beschwichtigt ja!“

ein „um gottes willen“ ist dabei in mindestens der hälfte der fälle gar nicht angebracht.
ehrlich gestanden: auch in den anderen fällen nicht.
vorausgesetzt man achtet schon auf die allerersten und kleinen beschwichtigungssignale
und reagiert darauf richtig.
(nicht umsonst beschäftigt sich im kurspaket „hundesprache verstehen“ ein gesamtes webinar nur mit dem beschwichtigungsverhalten und der richtigen reaktion von uns menschen darauf).

es ist eine paradoxe situation:
auf der einen seite fällt vielen bei einem hund wie in diesem foto kaum was auf: online hundeschule

auf der anderen seite ist man schon beunruhigt, wenn man einen hund beschwichtigen sieht, wie hier:
online hundeschule
zur erklärung:
der hund im oberen bild beschwichtigt durch blick verkürzen, kopf leicht abwenden und einem deutlichen lecken über den fang. er hat sogar die ohren schon einen tick nach hinten gelegt, was kein beschwichtigungssignal, sondern ein erstes zeichen von unsicherheit ist. die kamera vor seinem gesicht ist ihm offensichtlich nicht angenehm. ein bild, das man oft beim eigenen hund beim belohnen oder allen positionen sehen kann, wo man frontal vor ihm steht.

im unteren bild sehen wir eine hundebegegnung, bei der beide hunde beschwichtigen – sie stehen in T-stellung, haben einen leichten bogen im körper, schauen sich nicht direkt an und gehen in ein höfliches kennenlernen. alles völlig in ordnung mit den beiden, ihre soziale kommunikation funktioniert und sie nutzen ihr beschwichtigungsverhalten dafür völlig korrekt.

1. nicht jedes beschwichtigen ist überforderung

zu recht achten wir bei hundebegegnungen oder beim spiel unter hunden auf die beschwichtigungssignale.
sie verraten viel darüber, wie hund zueinander stehen und wie sie die soziale interaktion steuern.

allerdings müssen wir unterscheiden:
beschwichtigt ein hund, weil er sich vom anderen überfordert fühlt?
oder beschwichtigt er souverän, um den anderen zur ruhe zu bringen?

hunde nutzen ihre beschwichtigungsssignale ja vielfältigt.
vom „he du, mach mal langsam und beruhig dich wieder“ bis zu einem „hilfe, du bist mir viel zu wild / zu gefährlich“
ist die bandbreite groß.

da gilt es genau schauen und vor allem:
nicht falsch eingreifen.
eine souveräne beschwichtigung des (oder der) anderen
oder eine höfliche kommunikation von zwei hunden miteinander
wollen wir ja keinesfalls stören.

wir sollten nur dann eingreifen,
wenn der hund tatsächlich überfordert ist
und seine körpersprache das mit einerseits beschwichtigungssignalen und andererseits den anderen dazugehörigen merkmalen signalisiert.

2. nicht jedes beschwichtigen ist stress

mit stress und beschwichtigung ist das so eine sache.
da muss man genau unterscheiden.

im prinzip sind das zwei unterschiedliche bereiche des hundeverhaltens,
mit unterschiedlichen körpersprachlichen symptomen.

allerdings – und genau hier entsteht oft die verwirrung:
die ersten anzeichen von stress bestehen häufig aus auch beschwichtigungssignalen.
betonung auf „auch“.

die beschwichtigungssignale als anfangszeichen von stress kommen nämlich nicht alleine vor.
sie sind immer begleitet von anderen merkmalen
(wie zum beispiel angespannterer muskulatur oder stressmimik rund ums maul oder die augen).

der hund ist also nicht automatisch gestresst, wenn er beschwichtigt.
er ist aber dann im stress, wenn zur beschwichtung noch weitere signale kommen.
und natürlich dann, wenn er deutliche stresssymptome auch ohne beschwichtigung zeigt.

3. nicht jedes beschwichtigen ist unsicherheit

beschwichtigungsverhalten gibt es als sichere beschwichtigung:
dann richtet es sich ans gegenüber und signalisiert,
dass man in friedlicher absicht kommt und keinen konflikt will,
dass man höflich ist und sich  benehmen kann,
dass man dem anderen ruhe vermitteln und ihn runterbremsen möchte.

und dann gibt es die unsichere beschwichtigung.
sie tritt immer dann auf, wenn dem hund etwas zuviel ist,
wenn er sich beengt, bedrängt oder bedroht fühlt.
wenn er daher dem anderen bedeuten will: he, das ist mir zuviel.

die unsichere beschwichtigung ist mit weiteren körpersprachlichen signalen verknüpft.
zum beispiel (und ganz typisch) sind dabei die ohren etwas zurückgelegt.
auch die körperspannung ist etwas höher.
ums noch komplizierter zu  machen: es können zusätzclih auch stresssymptome auftreten.

bei unsicherer beschwichtigung wünscht sich der hund sehnlichst, dass sein gegenüber bitte von ihm ablässt.
wenn das der mensch ist, dann ist der gut beraten daran, erst mal gleich mit dem aufzuhören, was er grade tut.
und wenn es „nur“ streicheln oder leckerchen geben mit vorgerecktem oberkörper ist.
(der spruch „er weiß ja, dass ich ihm nichts böses will“ hilft dem hund nämlich nicht)

wenn das einem anderen hund gegenüber zu beobachten ist,
muss man schauen, ob dieser darauf angemessen reagiert
oder ob man als mensch einschreiten und die situation (in aller ruhe) auflösen muss.

unterm strich bleibt also:
bitte genau auf die beschwichtigungssignale achten.
und sie dann richtig einordnen und gelassen bleiben, bei allen, die völlig ok sind.

vielleicht hilft es ja sogar, die beschwichtigungssignale noch genauer wahrzunehmen und ein offenes auge für sie zu behalten,
wenn einem klar ist, dass nicht jedes gleich was übles zu bedeuten hat :-).

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.