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by brigid

November 1, 2015

oje, dein hund fürchtet sich! kann sein, dass er vor irgendwas bestimmtem angst hat (männern mit umhang, LKWs, der erhobenen hand, ….) oder dass er generell eher unsicher und ängstlich ist und mit allem unbekannten schnell mal überfordert. angst ist jedenfalls kein schönes gefühl!

und eins gleich vorweg: angst geht nicht von selber weg!

ganz im gegenteil! angst erzeugt stress. stress macht emotionaler und unsicherer und daher die angst größer. die neuerliche angst macht dann wieder stress. dann kommt bald eine negative erwartungshaltung dazu. der hund lernt ja schließlich, dass es dort oder dort was zu fürchten gibt, und fängt an, angst vor der angst zu bekommen. eine teufelsspirale, die sich immer weiter hoch dreht…

(einer der schlimmsten fälle, die ich kenne, war ein hund, der nicht mehr in die wohnung gehen wollte, weil er sich dort mehrfach vor der silvesterknallerei hatte fürchten müssen!)

leider kriegt man zum thema angst beim hund immer noch vollkommen unbrauchbare ratschläge. hier sind mal drei häufige und grundfalsche ansätze:

FALSCH:  „da muss er durch“

augen zu und durch mag die devise sein, mit der du eine unangenehme angelegenheit hinter dich bringst. betonung auf „unangenehm“.  bei einer reise in den ecuadorianischen regenwald musste ich mal in einem indio-dorf aus höflichkeitsgründen eine kalebasse selbstgebraute chicha trinken (zur info: die entsteht durch das zerkauen von irgendwelchem pflanzenzeug, das anschließend fermentiert und genauso schmeckt, wie die herstellungsgeschichte klingt. ekeligst!). das war ein fall für „augen zu und durch“. und ich hab’s überlebt. ich hab mich vor der chicha aber nicht gefürchtet!

ein hund, der wiederholt oder gar regelmäßig in eine angstsituation hineingezwungen wird, lernt dabei vor allem zwei dinge:

  • erstens:  das angsterregende ding ist wirklich furchtbar, weil er sich jedesmal fürchten muss und jedesmal überfordert ist.
  • zweitens: auf meinen menschen kann er sich auf gar keinen fall verlassen! der zwingt ihn schließlich direkt auf das monster zu!

beides trägt nur dazu bei, den hund weiter zu verunsichern und die angst größer werden zu lassen!

 

FALSCH:  „das gibt sich von selber“

nix gibt sich von selber, wenn man wirklich angst hat! schon gar nicht, wenn man der angst immer und immer wieder ausgesetzt ist und sie womöglich jedesmal als noch schlimmer erlebt als vorher. angst hat immer einen grund – sei es eine schlimme erfahrung, eine überreizung des nervensystems, eine überforderung des hundes in seiner lebenswelt – und der grund verschwindet nicht einfach von selber, nur weil das recht bequem wäre.

stelle dir einfach mal vor, du hättest eine schlangenphobie. und jeden tag taucht irgendwo unvermutet eine schlange vor dir auf: jemand wirft sie in deinen schoß, sie liegt unter deiner bettdecke, du setzt dich an den tisch und sie kriecht das sesselbein grad hoch. gibt sich die angst irgendwann von selber?

oder wird sie nicht im gegenteil immer größer, weil du ja schon dauernd in der erwartung lebst, dass jetzt gleich wieder die furchteinflößende schlange irgendwo auftaucht?

eben. deinem hund geht es nicht anders. angst ist immer ein thema, das man ernst nehmen und behutsam therapieren muss, weil angst die lebensqualität massiv beeinträchtigt.

 

FALSCH:  „er soll sich nicht so anstellen“

klar gibt es menschen, die keine angst vor schlangen haben oder sogar schlangen-fans sind. wenn du nicht dazu gehörst, sondern dir schlangen den grausen über den rücken jagen, hilft es dir aber herzlich wenig, wenn dir so einer dann erklärt, dass du dich „nicht so anstellen“ sollst! deine angst ist ja real.

die angst deines hundes ist auch real. sie mag unsereins lächerlich vorkommen. schließlich „weiß der hund doch, dass ihm mit xy nichts passiert!“ also möge er sich bitte nicht so anstellen.  dein hund weiß das aber eben nicht! vielleicht hat er in der vergangenheit einschneidende erfahrungen gemacht und weiß nur zu gut, wie schmerzhaft und gefährlich xy sein kann. oder xy erscheint ihm einfach als das monster schlechthin und die vernunft setzt aus (wie beim schlangenphobiker die vernunft ihm doch auch sagen müsste, dass nichts zu befürchten ist).

auch wenn dir unbegreiflich bleiben mag, wie ein hund sich vor diesem oder jenem fürchten kann. nimm es einfach hin, nimm die angst ernst und geh mit deinem hund entsprechend um. schließlich haben appelle und vorwürfe noch niemandem seine angst genommen.

 

was ist also zu tun, wenn dein hund sich fürchtet? ein bisschen kommt das immer auf den hund und die situation und seine ängst an. klar. aber hier sind mal drei strategien, mit denen du auf jeden fall richtig liegst!

 

1. sei für deinen hund da!

das wichtigste voran: lass deinen hund nicht im stich, wenn er sich fürchtet! das willst du natürlich nicht, das passiert dir aber womöglich völlig unabsichtlich. zum beispiel,

  • wenn du versuchst, deinen hund rasch durch die situation durchzuschleifen,
  • wenn du deinen hund auf sich selbst gestellt lässt, zum beispiel ist er vorn an der leine und ihr begegnet einem „monster“ und du tust nichts…
  • wenn du glaubst, du musst deinen hund völlig ignorieren, wenn er sich fürchtet (weil du das mal wo gelesen hast)

klar sollst du deinen hund nicht mit bestürzung, sorge und trostworten überschütten, wenn er sich grad fürchtet – damit signalisierst du ihm mit höchster wahrscheinlichkeit nur, dass du dich auch aufregst und besorgt bist (wenn auch um ihn und nicht wegen des „monsters“, aber den unterschied macht er nicht).  damit bestätigst du womöglich die angst nur.

was er braucht, ist einen souveränen, ruhigen und entspannten menschen an seiner seite, der die situation übernimmt und ihm hilft, sie so zu bewältigen, dass alles gut ist. zum beispiel, indem ihr rechtzeitig abbiegt und du dich zwischen deinen hund und das monster positionierst. signalisier deinem hund, dass du erkannt hast, dass er sich ängstigt (und wovor), nimm es ernst und hilf ihm so rasch wie möglich aus dieser situation heraus oder lös sie ihn eine positive erfahrung auf (siehe auch punkt 3)

 

2. stärke sein selbstvertrauen!

das natürliche gegenmittel zu angst ist selbstvertrauen. wer sicher und selbstbewusst durchs leben geht, hat viel weniger oft angst oder grund, sich vor etwas zu fürchten. weil er oder sie ja weiß, dass er sicher ist und mit allem klar kommt. das geht übrigens nur, wenn auch der stresspegel niedrig ist. denn stress geht immer zu lasten der sicherheit und der impulskontrolle. also runter mit dem stress, rauf mit dem selbstbewusstsein!

für einen ängstlichen und unsicheren beginnt daher die therapie nicht mit dem angstauslöser! sondern immer erst damit, stress abzubauen und an seinen generellen selbstsicherheit zu arbeiten. zum beispiel, indem er bei denksport oder nasenarbeit seine erfolgserlebnisse sammelt und erlebt, wie gut er aufgaben im leben meistern kann. es gibt auch eigene übungsprogramme dazu, die sind dann aber tatsächlich an den hund und seine jeweilige situation anzupassen. da kann eine gute verhaltensberatung dir am ehesten weiterhelfen.

(übrigens: wenn du dich näher mit nasenarbeit auseinandersetzen und mit deinem hund da mehr und systematisch was machen möchtest, auch einfach zum spaß und nicht bloß wegen evtl. ängste, dann startet demnächst der neue online-kurs „schnüffelnase“. hier findest du mehr infos.

 

3. bau die angst behutsam ab!

da angst wie gesagt nicht von selber verschwindet und sie massiv die lebensqualität beeinträchtigt, musst du natürlich etwas dagegen tun!

du kannst entweder den angstauslöser total vermeiden, wenn das geht.  hast du also einen hund, der vor gelben spielzeugautos fürchterliche angst hat, dann kannst du die aus eurem leben einfach verbannen. die wahrscheinlichkeit, unterwegs unerwartet einem zu begegnen, ist so gering, dass du das riskieren könntest und euer problem wäre damit gelöst.

leider ist es selten so, dass man einen auslöser einfach vermeiden kann. in den meisten fällen sind es ja auslöser, denen man regelmäßig, wenn nicht sogar täglich begegnet. (ich nehme jetzt mal die angst vor gewittern und der silvesterknallerei aus, die ist ein kapitel für sich und du findest dazu einiges in diesem blog-beitrag).

bei den meisten ängsten musst du dir also überlegen, wie deinem hund die angst vor dem „bösen ding“ nehmen kannst. du musst mit ihm also ein übungsprogramm durchführen, bei dem er erfährt
– dass das „böse ding“ so weit weg bleibt, dass er damit noch umgehen kann- dass das „böse ding“ gar nicht so schlimm ist, weil gleichzeitig immer was gutes passiert (zum beispiel ein tolles keksi vom menschen kommt) und
– dass das „böse ding“ einem nichts tut, weil der mensch gut aufpasst und man sich daher an seinen menschen halten kann.

(im fachjargon heißt das: handlungskompetenz erhalten, systematische desensibilisierung, gegenkonditionierung, soziales lernen/orientierung am bindungspartner).

 

unterm strich heißt das also: wenn sich dein hund gruselt, ist das kein wohliges gruseln, wie es dich vielleicht bei einem entsprechenden film überläuft. ganz und gar nicht! ich bezweifle, dass hunde sowas wie ein wohliges gruseln überhaupt kennen. was sie kennen ist angst. und angst ist immer schlimm. sehr schlimm! also schau drauf, dass dein hund sich nicht fürchten muss.

 

 

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.