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by brigid

Juni 25, 2023

führung kontrolle freiraum

die führungsrolle dem hund gegenüber können wir ganz unterschiedlich anlegen.
traditionell  verband man damit mehr kommandieren und gehorsam erwarten, als echtes führen.
(einer von vielen gründen, warum das wort „führen“ so besetzt ist).

davon haben sich die meisten heute zum glück schon weit entfernt.
ein spannungsfeld bleibt beim thema führen aber immer.
und es wird nicht einfacher dadurch, dass unterschiedliche hunde in verschiedenen lebensphasen andere bedürfnisse haben.

(mehr dazu schon bald im neuen webinar „führung, rückhalt, begleitung? was dein hund von dir braucht“)

dazu kommt noch, dass auch wir menschen unterschiedliche typen vertreten
und unterschiedliche vorlieben und bedürfnisse haben.

führung kontrolle freiraum

daher wollen wir uns drei zentrale fragen genauer anschauen und überlegen, was dein stil ist und was dein hund braucht.

1. schutz

eine zentrale aufgabe unserem hund gegenüber besteht darin, ihm schutz zu bieten.
nämlich dann, wenn er ihn braucht.

gemeint ist nicht nur schutz vor gefahren für leib und leben,
(das kriegen wir ja noch halbwegs hin)
sondern auch schutz vor
– übergriffen
– bedrängt werden
– verunsicherung
– überforderung
und ähnlichem.

das ist im alltag schon bedeutend schwieriger auf die reihe zu kriegen.

da kommt die nette nachbarin und tätschelt dem hund auf den kopf (was er hasst).
da begegnen wir beim spazierengehen einem traktor, vor dem sich der hund erschrickt.
da läuft ein wildes hundespiel zu heiß und es gibt eine kabbelei.

um nur ein paar beispiele zu nennen.

unser job wäre es, unseren hund vor heftigen oder vor wiederholten negativen erfahrungen zu schützen.
immer dann, wenn er selber das nicht kann oder aber besser nicht alleine regelt.

wir müssen also nicht nur den hund kennen und richtig einschätzen,
sondern rechtzeitig dran sein und eingreifen…
bevor die nachbarin noch die hand ausstreckt, wenn wir den traktor in der ferne hören oder bevor das hundespiel zu wild wird.

klar kann man den hund nicht vor allem und jedem im leben schützen, das soll man noch gar nicht.
doch vor erlebnissen, die ihn sicher überfordern oder die zu unguten erfahrungen führen, sollte der hund sehr wohl geschützt werden.

2. kontrolle

schutz darf man aber nicht verwechseln mit kontrolle.

es geht nicht darum, jeden schritt des hundes zu kontrollieren und ihn immer gleich zurückzuhalten.
vielmehr sollen wir die situationen so managen, dass der hund sich einigermaßen frei bewegen kann,
ohne dabei schlimmen erlebnissen ausgesetzt zu sein.

hundeerziehung wird ja oft so verstanden, dass wir kontrolle über den hund und sein verhalten erlangen sollen.

ja und nein.

natürlich soll der hund nicht unkontrolliert durchs leben fegen und tun und lassen, was er will.
die erziehung soll durchaus dafür sorgen, dass er spielregeln erlernt und auch einhält.

wichtig wäre aber, situationen mit dem hund zu managen,
den hund in den jeweiligen situationen richtig anzuleiten
(und ihn ggfs. durchzulotsen),
statt den hund „unter kontrolle“ zu halten.

wenn er sich zum beispiel vor LKWs fürchtet und dann in die leine springen und bellen würde,
geht es nicht darum, ihn an strammer kurzer leine in fußposition neben sich am LKW vorbei zu manövrieren –
das wäre kontrolle des hundes  –
sondern ihn im abstand vorbeizuführen, ohne ziehen und zerren und mit belohnung für ruhiges verhalten
(und dann mit ihm dran zu arbeiten, dass er sich an LKWs gewöhnt).

in beiden fällen erreicht man, dass der hund nicht an der leine randaliert.
in einem fall ist es kontrolle des hundes und unterdrücken des symptoms,
im anderen fall ist es umsichtige führung.

kontrolle liegt und menschen in der regel psychologisch näher.
der wunsch nach kontrolle ist oft sogar zeichen für unsere eigene unsicherheit oder überforderung.
ein kontrolltick hilft nur leider weder uns noch dem hund
und ist jedenfalls kein merkmal souveräner führung.

die gretchenfrage ist daher immer:
in welchem moment haben wir das gefühl, wir müssten den hund kontrollieren?
und welche anderen möglichkeiten gibt es, dasselbe ergebnis zu erreichen.

3. freiraum

zu viel kontrolle ist allein deswegen schon ein problem,
weil der hund auch seinen freiraum braucht und seine eigenen entscheidungen treffen muss,
um lernen zu können.

wie soll er jemals lernen können, sich freiwillig an seinem menschen zu orientieren,
wenn er dauernd an der kurzen leine ist und seine aufmerksamkeit über signal gefordert wird?
(betonung auf dauernd, natürlich sind die kurze leine oder ein aufmerksamkeitssignal in vielen momenten auch hilfreiche instrumente).

oder um’s ganz plakativ zu formulieren:
wie soll er lernen, über eine treppe zu laufen,
wenn er immer hochgehoben und getragen wird?

der hund braucht gelegenheiten zum ausprobieren, was funktioniert,
und zum lernen durch versuch und irrtum.

alles natürlich innerhalb eines rahmens, der seine sicherheit garantiert.
das nun ist der punkt, wo fingerspitzengefühl gefordert ist:

wie groß dieser rahmen sein muss, kommt auf den hund an.
wieviel freiraum gut für ihn ist, hängt von seinem naturell ab.

ein eher vorsichtiger oder unsicherer hund ist mit zu viel freiraum auch mal überfordert.
ein sehr eigenständiger und sicherer hund hingegen fühlt sich durch zu viel „hilfe“ und häufige signale oder ansprache schnell mal eingeschränkt und frustriert.

man muss daher den eigenen hund kennen – und sich selber immer wieder in frage stellen.
schließlich will keine/r von uns absichtlich zur helikoptermama werden
und keine/r willentlich den kontrollfreak raushängen.

über die autorin 

brigid

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.