das leben mit high-energy hunden (und was das eigentlich ist)

wenn von high energy hunden die rede ist, dann meint man damit hunde, die
– viel energie haben
– die einen eigenen job brauchen
– die ordentlich ausgelastet werden müssen.

so zumindest werden sie beschrieben.
zu den typische rassen von high-energy hunden zählen border-collies, labrador or jack russel terrier.

zu den (angeblich) typischen anzeichen für einen high-energy hund, zählt:
– sie können schlecht alleine bleiben und machen dann oft was kaputt
– sie sind stürmisch und werfen damit kleine kinder manchmal um
– sie langweilen sich schnell und entwickeln dann unarten
– sie müssen richtig ausgegepowert werden, bevor man irgendwas vernünftiges mit ihnen anfangen kann
– sie können einen in den wahnsinn treiben

andere begriffe, unter denen man die neuerdings als  high-energy bezeichneten hunde auch kennt:
temperamentvoll, energiegeladen, triebig,…

hmm.
klingt das bekannt?

schaut man genauer hin (und ohne rosarote brille), dann stellt man fest,
dass diese hunde tatsächlich einiges gemeinsam haben,  was andere hunde nicht
oder jedenfalls nicht so stark ausgeprägt haben.

1.  ein hoher erregungspegel

neurophysiologisch gesehen ist high-energy oder “temperament” nichts anderes als ein erhöhter erregungspegel.
sprich: ein höherer pegel an adrenalin und cortisol im körper,
jenen beiden hormonen, die für die aktivierung des organismus und die handlungsbereitschaft des hundes zuständig sind.

ein gewisses ausmaß an erregung ist völlig in ordnung
und tritt vor allem dann auf, wenn der hund mit veränderungen in seiner umgebung,
mit aufregenden begegnungen oder sonstigen anforderungen konfrontiert ist, auf die er mit aktivitär reagieren muss.

üblicherweise sinkt diese erregung aber gleich nach dem bewältigen der situation wieder ab,
der hund fällt in den normalen, entspannten modus zurück.

nicht so der high-energy hund, denn wie der name schon andeutet:
bei dem ist die aktivierung dauernd eingeschaltet,
die stresshormone halten ihn ständig auf trab und er kommt nicht zur ruhe.

das hat natürlich seine auswirkungen aufs verhalten:
der hund ist aufgedreht und unkonzentriert,
er ist kaum mehr ansprechbar, wenn noch irgendeine aufregung dazu kommt
und kann auf diese auch nicht mehr gelassen und souverän reagieren.

aufregung ist nämlich der gegenspieler von aufmerksamkeit (auf den menschen)
und der feind der erziehung zum gelassenen hund.
das sollte man daher nicht auf die leichte schulter nehmen
oder sich damit abfinden, dass man halt einen “high energy hund” hat,

dieser hund ist nichts anderes als zu aufgeregt, überdreht und unter dauerstrom
kein schöner zustand für den hund und reichlich anstrengend für seinen menschen.

mit welchem 5-punkte-programm man der aufregung wirksam zu leibe rücken kann, ist dann am freitag thema im (kostenlosen) webinar “aufregung beim hund in den griff bekommen”, zu dem du dich gleich hier anmeldne kannst:

2. eine niedrige reizschwelle

nicht jeder hund und nicht jede rasse ist gleich anfällig für aufregung.
es hat schon seinen grund, warum bestimmte hunderassen als besonders high-energy gelten.
es sind nämlich alle jene individuen, die eine eher niedrige reizschwelle besitzen.

unter reizschwelle versteht man jene intensität eines reizes (also eines umwelteinflusses),
die ausreicht, um eine reaktion beim hund auszulösen:
wie leise oder laut muss ein geräusch sein, damit der hund hochfährt?
wie weit weg oder wie langsam muss eine bewegung sein, damit der hund nicht automatisch hinterherhetzt, etc.

man kann sich das wie einen grenzwert vorstellen.
wird der grenzwert überschritten, reagiert der hund (teils heftig).
bleiben die umgebungsreize unterhalb des grenzwertes, bleibt der hund ruhig.

nun gibt es hunde, die schon bei kleinigekeiten reagieren
(sagen wir mal bei einem grenzwert von 20 auf einer skala von 0 bis 100),
und andere, phlegmatischere gemüter, bei denen es schon einiges braucht,
bis sie auch nur den kopf heben.
(das würde dann eher einem grenzwert von 80 oder 90 auf der skala entsprechen).

wir müssen nur an den sprichwörtlich gemütlichen bernhardiner denken,
den nicht so schnell was erschüttert,
im vergleich zum hektischen kleinen terrier,
der bei jeder kleinigkeit losbellt
(wenn man’s mal auf hunderassen verkürzen möchte,
da gibt’s natürlich ausnahmen!)

die reizschwelle ist zum größeren teil angeboren,
kann aber auch durch erfahrungen in den ersten lebenswochen maßgeblich beeinflusst werden.
gewisse schwankungen im alltag gibt es natürlich auch:
der gut ausgeruhte, gechillte hund verkraftet etwas mehr an außenreizen,
der bereits gestresste und angespannte hund reagiert auf jede kleinigkeit.

umso wichtiger ist es also, bei hunden mit einer niedrigen reizschwelle
auf einen niedrigen erregungspegel zu achten!

3. ein großer auslastungsbedarf

es stimmt, dass die sogenannten high energy hund in der regel mehr auslastung brauchen
als manche(!) andere hunde.

allerdings tut man ihnen mit dem typischen “auspowern” keinen gefallen.
ganz im gegenteil.

die hohe sensiblität, die ihrer anfälligkeit für aufregung und der niedrigen reizschwelle zugrunde liegt,
geht einher mit einer hohen intelligenz.
und die gilt es angemessen auszulasten.

flyball oder agility pushen den hund nur immer noch höher,
bis man einem angenehmen vierbeiner ein veritables problem zuhause,
der ruhelos herumtigert und dauernd action fordert.
kommt man dem nach – denn der hund muss ja “ausgepowert” und müde gemacht werden,
dann macht man das problem immer noch schlimmer.

wirklich müde bekommt man so einen hund nämlich nicht über körperliche bewegung,
sondern über geistige auslastung.
schaut man sich die zuchtgeschichte vieler dieser rassen an,
stellt man schnell fest, dass sie als arbeitshunde mit eigenständigen aufgaben gezüchtet wurden.

diese aufgaben erforderten in der regel gar nicht so viel körperlichen einsatz,
vor allem aber eigenständigkeit und mitdenken, also geistige fähigkeiten.
und genau für die braucht der hund ein ventil, ein anwendungsgebiet.
sonst stimmt es nämlich durchaus, dass der hund “unarten” entwickelt und sich seine beschäftigung selber sucht.

geht man mit einem “high-energy” hund richtig um,
indem man auf ein verkraftbares ausmaß an aufregung achtet, ihn nicht überreizt und ihn vernünfig geistig beschäftigt,
dann entpuppen sich diese hund als das, was sie eigentlich sind:
sensible, intelligente und entspannte vierbeiner,
mit denen es eine freude ist, zusammenzuleben und gemeinsam was zu unternehmen.

über

brigid weinzinger ist tiertrainerin und verhaltensberaterin für hund, katz, pferd und mensch. sie bloggt auf www.denktier.at über das leben mit tieren und tipps für deren ausbildung.

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